Sport : Thomas Haas: Bloß keine falsche Bewegung

Jörg Allmeroth

Der Mann hat neues Selbstbewusstsein, neuen Mumm und neuen Mut. "Ich bin jetzt eine Gefahr für jeden, der hier im Turnier ist", sagte Thomas Haas, als er am Freitag durch einen hart erkämpften 4:6, 6:4, 6:2-Sieg über den Schweden Andreas Vinciguerra ins Achtelfinale des olympischen Tennisturniers eingezogen war. Doch Haas, letzter Deutscher in den Einzelwettbewerben, lebt auch selbst mit der Gefahr: Er ist immer noch nicht restlos von einem Bandscheibenvorfall genesen und balanciert in praktisch jeder Einsatzsekunde auf den Olympia-Courts am Abgrund. Ein falscher Schritt, eine unglückliche Bewegung oder ein missratener Schlag könnten das Ende aller Hoffnungen bringen: "Zwischen Medaille und Aufgabe ist alles drin", erklärte Haas trocken, "ich versuche gar nicht, an diese merkwürdige Situation zu denken."

Während der erstaunlich formstarke Haas in der Runde der letzten 16 am Sonntag selbst gegen den spanischen Ex-Tennisweltmeister Alex Corretja eine gute Siegmöglichkeit hat, sind die Sommerspiele von Sydney für Jana Kandarr vorbei: Die 24-jährige Karlsruherin verlor im Achtelfinale mit 2:6 und 2:6 gegen Wimbledon- und US Open-Gewinnerin Venus Williams. "Sie spielt einfach in einer eigenen Dimension, da kann ich nicht mithalten", sagte die Kandarr.

In einem Olympia-Wettbewerb mit tatkräftigen Aussenseitern und strauchelnden Favoriten ist Haas in seinem schwächsten Profijahr plötzlich wieder zu einem ernsthaften Faktor geworden. "Wenn der Rücken hält, dann ist noch einiges drin für mich", glaubt der Deutsche, der seit einer guten Woche intensiv und beschwerdefrei in Sydney trainiert hat. "Thomas spielt ganz ruhig und gelassen, mit unheimlicher Coolness", sagt Teamchef Charly Steeb, "er hat ja auch nichts zu verlieren nach den letzten, schweren Monaten."

Seit seiner Verletzung beim Stuttgarter Weissenhof-Wettbewerb war Haas niemals wieder richtig auf die Beine gekommen. Den ganzen Tennissommer in Amerika verpasste der 22-Jährige. Und immer dann, wenn das Martyrium überwunden schien, kehrten die Schmerzen wieder zurück. "Ich hatte die Seuche, ein Pech, das zum Verrücktwerden war", sagt Haas, der allerdings auch nicht gut gemeinten Ratschlägen folgte und darauf verzichtete, sich in Deutschland genau durchchecken zu lassen. Stattdessen laborierte er wochenlang im Tennis-Camp von Nick Bollettieri in Florida an seinen Beschwerden herum.

Auch nach dem unerfreulichen Zweitrunden-Ausscheiden bei den US Open fuhr Haas wieder nach Florida, erlitt dort aber einen gesundheitlichen Rückschlag. Erst in Sydney konnte er, betreut von den deutschen Teamärzten, wieder mit einem geordnetem Übungsprogramm beginnen. Sieben schmerzfreie Trainingstage und zwei "sehr ordentliche Spiele" lassen Haas jetzt sogar an einen Befreiungsschlag aus der Malaise denken: "Warum sollte mir das nicht gelingen."

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