Sport : Thomas Haas: Mit 130 Prozent ins Halbfinale

Jörg Allmeroth

Es gibt diese Momente, in denen der Tennis-Profi Thomas Haas seinen Sport hasst: "Wenn du durch eine Spielerlounge läufst und dich alle mit kaltem Blick anstarren, dann kriegst du einen Schrecken, wie brutal dieses Einzelkämpfer-Geschäft ist." Richtige Freundschaften hat Haas noch nicht schließen können im Wanderzirkus der Egoisten: "Jeder", sagt Haas, "ist doch irgendwie der Feind des anderen." Oft hat er sich gewünscht, er wäre in einem "echten Teamsport" gelandet, in einer verschworenen Truppe mit "lauter guten Kumpels". Kein Wunder, dass der 22-jährige stets in der Saison den Spielen im Davis Cup entgegenfiebert und sich freut, "mit der Mannschaft für Deutschland zu spielen".

Seinen Höhenflug in Sydney erklärt sich der patriotisch leicht entflammbare Haas auch und vor allem mit der "Superatmosphäre" in der kleinen Familie der deutschen Tennis-Mannschaft. Am Montag bezwang der den Weißrussen Max Myrni 4:6, 7:5 und 6:3 und rückte ins Halbfinale gegen den Schweizer Roger Federer vor. Haas spielt um einen Platz auf dem Treppchen, entweder um Gold oder um Bronze.

"Thomas ist ein Stimmungsspieler wie früher Boris Becker", sagt Teamchef Carl-Uwe Steeb. "In der richtigen Atmosphäre und mit den richtigen Leuten drumherum blüht er plötzlich auf und holt 130 Prozent heraus." Auch Anfang dieses Jahres hatte Haas nach einem völlig misslungenen Australien-Ausflug noch den Vorkämpfer beim Erstrundensieg im Davis Cup gegen Holland gespielt, im Einzel und im Doppel an der Seite von David Prinosil. Den Mannschaftswettbewerb zu gewinnen, ist ein "ebenso großer Traum" von Haas wie der Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. "Wenn wir eines Tages einen Gemeinschaftssinn entwickeln wie Spanier oder Australier, dann werden wir den Davis Cup auch holen", sagt der deutsche Amerikaner. "Dafür würde ich bis zum Umfallen laufen und kämpfen."

Mehr als einen Anfang haben die oft zerstrittenen Deutschen in Sydney bereits gemacht: "Wir sind enger zusammen gewachsen", sagt Haas, der noch vor ein paar Monaten mit Nicolas Kiefer kein Wort mehr wechseln wollte. Jetzt klatschten und tratschten die beiden besten deutschen Spieler beim gemeinsamen Frühstück. Oder sie unterstützten sich durch wechselseitige Besuche bei ihren Spielen. "Es ist ein schönes Gefühl, wenn du merkst, dass alle hinter dir stehen", sagt Haas.

Am Abend vor seinem fünften Einsatz in Sydney wollte Haas sich nicht in seinem Zimmer verkriechen und dort "tausend Gedanken wälzen". Er ging hinaus zum 400-Meter-Lauf mit Cathy Freeman. Olympia, das ist eine andere Welt für Haas, eine Welt, die er mit Tausenden anderen Sportlern teilt. Olympische Spiele, findet Haas, "könnten ruhig öfter sein".

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