Thomas Kraft : Ein Transfer mit Anlauf

Dass einer der begabtesten Nachwuchstorhüter des Landes nach Berlin wechselt, ist ein Zeichen an die Konkurrenz. Der Wechsel von Thomas Kraft hat eine Vorgeschichte – fast wäre Michael Rensing bei Hertha gelandet.

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Thomas Kraft.
Thomas Kraft.Foto: dpa

Berlin - Dass er beim FC Bayern das Tor räumen musste, hat ihn schon irritiert. Aber für einen, der mal die Nummer eins im Münchner Tor gewesen ist, findet sich immer ein Interessent. Irgendwann kommt dann dieses Angebot aus Berlin, beide Seiten forcieren einen Wechsel, es gibt ein paar Gesprächsrunden und im Prinzip sind Klub und Profi sich einig. Kompliziert wird die Angelegenheit dadurch, dass Hertha BSC Rücksicht nehmen muss auf den eigenen Torhüter, der sich in der Mannschaft großer Beliebtheit erfreut. Am Ende dauert dem Torwart die Angelegenheit zu lange, er sagt am Telefon ab und geht zum 1. FC Köln.

So ist das Ende Januar gewesen, als ein Engagement von Michael Rensing im letzten Moment scheiterte. Der beim FC Bayern ausgemusterte Torhüter wäre gern gekommen. Hertha aber scheute das Risiko und die finanzielle Belastung, gleich vier Torhüter im Profikader zu beschäftigen. Hertha ging mit Maikel Aerts in die Rückrunde der Zweiten Liga und überstand mit dem Holländer auch eine Minikrise rund um das Spiel gegen Energie Cottbus. Jetzt aber, da die Rückkehr in die Bundesliga feststeht, haben sich die Berliner doch zu einem Cut auf der strategisch wichtigsten Position entschlossen. Und wieder ist die Wahl auf einen gefallen, der beim FC Bayern gehen muss.

Am Montag hat Thomas Kraft den medizinischen Test absolviert und nach einem sich anschließenden Abendessen mit Herthas Präsident Werner Gegenbauer, Manager Michael Preetz und Trainer Markus Babbel einen bis 2015 datierten Vertrag unterschrieben. Eine offizielle Vorstellung ist erst für den Trainingsbeginn Ende Juni vorgesehen. Bei Hertha heißt es, Kraft sei noch Spieler des FC Bayern, und dieses Vertragsverhältnis werde auch in Berlin selbstverständlich respektiert. „Wenn so ein Spieler ablösefrei zu haben ist, muss man sich damit beschäftigen“, sagt Markus Babbel, will aber nichts wissen von einer angeblichen Stammplatzgarantie: „Thomas kommt nach der Sommerpause zu uns, er absolviert wie alle anderen die Vorbereitung, und dabei werden wir ja sehen, wer unsere Nummer eins sein wird.“ Maikel Aerts hat jedenfalls durchblicken lassen, dass er seinen Vertrag bei Hertha unbedingt erfüllen möchte. Auch als Nummer zwei, um Thomas Kraft zu unterstützen.

Dass einer der begabtesten Nachwuchstorhüter des Landes nach Berlin wechselt, ist ein Zeichen an die Konkurrenz. Aber auch die Quintessenz einer die Saison bilanzierenden Analyse, mit der Hertha sich fitmachen will für das Comeback im Kreis der Großen. Mit Maikel Aerts als Nummer eins, so lautet das Ergebnis der Analyse, wäre der Verein nur suboptimal aufgestellt.

Trainer Markus Babbel und Manager Michael Preetz schätzen Aerts, allerdings betrifft das mehr seine Qualitäten als Teamplayer denn als Torhüter. „Wenn Maikel kein Typ ist, dann weiß ich auch nicht, wer einer sein soll“, sagt Preetz. Aerts hat die Mannschaft in der Kabine zusammengestaucht und auf dem Trainingsplatz, allerdings im positiv-aufbauenden Sinn. Der Holländer steht für den neuen Corps-Geist in der Mannschaft, für die Wagenburg-Mentalität, es allen anderen zu zeigen und sich durch keine äußeren Einflüsse vom Weg abbringen zu lassen. Aerts’ Ansehen bei den Kollegen war so groß, dass sie wegen der ihrer Meinung nach unfairen Berichterstattung über den Torhüter einen Boykott gegen die Berliner Medien verhängten.

Mit Rensing im Tor wäre Hertha in der Rückrunde sportlich sicher besser beraten gewesen, aber eine Abberufung der Nummer eins mitten in der Saison hätte dem mannschaftsinternen Klima so gut wahrscheinlich nicht getan. Auf der anderen Seite stehen Rensings starke Leistungen in Köln dafür, dass man bei der Verpflichtung eines in München ausgemusterten Torhüters nicht falsch liegen muss.

In der Causa Kraft sprechen die jüngsten Eindrücke ohnehin dafür, dass der 22-Jährige seinen Platz vor allem wegen einer klubinternen Intrige an Jörg Butt abgeben musste. Kraft spielte in der Champions League gegen Inter Mailand einmal grandios und einmal gut, und in der Bundesliga unterliefen ihm in zwölf Spielen genau drei Fehler. Kraft hatte das Pech, dass er sich gar nicht profilieren durfte, weil er dem Münchner Publikum kein Argument gegen eine Verpflichtung des Schalkers Manuel Neuer liefern sollte. Zu dieser Geschichte gehört natürlich auch, dass er zur Rückrunde den zuvor fehlerfreien Butt nur ablösen durfte, weil der Trainer Louis van Gaal dem Präsidenten Uli Hoeneß demonstrieren wollte, wie überflüssig eine Verpflichtung Neuers doch sei. Nach van Gaals Entlassung saß Kraft jedenfalls wieder auf der Bank.

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