Thomas Kraft im Interview : "Du musst auch Michael Ballack anbrüllen“

Herthas neuer Torwart Thomas Kraft spricht mit dem Tagesspiegel über Kommandos auf dem Platz, Training als Verteidiger und seine Lehrzeit mit Oliver Kahn.

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Thomas Kraft, 22, startet in seine erste Saison bei Hertha BSC.
Thomas Kraft, 22, startet in seine erste Saison bei Hertha BSC.Foto: City-Press

Herr Kraft, Sie sind einer von vielen jungen Torhütern in der Bundesliga. Was zeichnet die moderne Generation aus?

Entscheidend ist immer noch, dass man die Bälle hält. Aber man sieht bei den jungen Torhütern, dass man mehr eingebunden ist als vor ein paar Jahren. Es ist mittlerweile wichtig, dass du mitspielen, der elfte Feldspieler sein kannst und nicht nur auf der Linie klebst. Das versuchen aber teilweise auch die älteren Torhüter, weil es das Spiel erfordert. Dazu musst du lautstark sein, aber das hat nichts mit modernem Torwartspiel zu tun.

Ist es Zufall, dass sich derzeit so viele junge Torhüter in der Bundesliga durchsetzen?

Irgendwann müssen die Alten eben aufhören. Das ist in letzter Zeit oft passiert, weil sie am Ende ihrer Karriere stehen, und da ist es nur richtig, die jungen Torhüter aufzubauen. Sie sind in Deutschland meistens sehr gut ausgebildet, da ist es schön zu sehen, dass die Jungen ihre Chance bekommen, weil sie moderne Fußballer sind.

Bedeutet das auch mehr Konkurrenz, auch für die Nationalelf?

Ich beobachte das nur aus dem Augenwinkel.

Sie haben nur ein Jugendländerspiel bestritten, für die U 16. Wegen der starken Konkurrenz in Ihren Jahrgängen?

Das hatte andere Gründe. Ich habe damals kein gutes Verhältnis zum DFB gehabt, mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Sie haben das Mitspielen erwähnt. Bei Hertha spielen Sie im Training oft als Rechtsverteidiger mit, bei Bayern München haben Sie früher als Innenverteidiger mittrainiert, in der Jugend in Betzdorf sogar als Stürmer. Warum?

Das ist immer von mir ausgegangen. Ich habe schon bei meinen Jugendvereinen gesagt, dass mir das wichtig ist. Ich war zwar schon immer Torwart, aber habe auch im Feld gespielt. So lernt man den Umgang mit dem Ball und die Blickwinkel der Spieler kennen.

Kann man so auch besser dirigieren?

Im Stadion kann ich schlecht die Stürmer dirigieren, die hören mich ja nicht. Aber die Spieler in meinem Bereich, die Innen- und Außenverteidiger, die defensiven Mittelfeldspieler, die erreiche ich, und da fällt es mir leichter, Anweisungen zu geben, wenn ich mal gesehen habe, wie man sich auf dieser Position verhält.

Wäre das mal eine Option für ein Pflichtspiel: Sie als Feldspieler?

Im Sturm kann man nicht so viel kaputt machen, das würde ich mir schon zutrauen … Nein, im Ernst: Ich bin Torwart, ich mache das gerne im Training, aber weiter zu gehen ist kein Thema.

Sie sprachen auch die Lautstärke an. Sie sind eher ein ruhiger Typ, fällt es Ihnen schwer, auf dem Feld laut zu werden?

Das muss man einfach lernen. Mir hat man das bei Bayern München beigebracht. Weil es wichtig ist. Gerade bei den Spielern von Bayern, die alle Topstars sind, musst du Kommandos geben, wenn dir etwas nicht passt. Aber das ist nur eine Hilfestellung und nicht böse gemeint, ich mache da keinen an. Ich will nur sehen, dass die Abwehr vor mir so steht, wie ich das gern hätte, und da muss man eben was sagen.

Hatten Sie nicht manchmal Hemmungen, gerade bei den großen Namen bei Bayern?

Ich habe bei den Profis mittrainiert, seit ich 16 bin. Wenn du dann einen Michael Ballack anbrüllen musst, dann ist das schwierig, das machst du dann auch nicht so. Aber wenn du 18 oder 19 bist, siehst du das anders, weil es für dich gut und wichtig ist, dann machst du es einfach.

Konnten Sie da von Oliver Kahn lernen?

Ich habe mit Olli in den letzten drei Jahren seiner Karriere zusammengearbeitet, da war er schon viel ruhiger als früher. Aber man hat gesehen, dass er eine Persönlichkeit auf dem Platz war und sich viel Respekt bei den Spielern erarbeitet hat. Er konnte zu jedem sagen, was er wollte, und die Spieler haben das dann gemacht. Das muss man sich als Torwart erst einmal erarbeiten.

Sie haben jetzt zum zweiten Mal nach dem Zweikampf mit Jörg Butt bei Bayern die Situation, dass Ihr vorerst geschlagener Konkurrent, Maikel Aerts, mehr als zehn Jahre älter ist und vorher Stammtorwart war. Wie geht man als junger Spieler damit um?

Ob jemand älter oder jünger ist, macht keinen Unterschied. Wichtig ist, dass man trotz aller Konkurrenz ein gutes Verhältnis miteinander pflegt. Das ist hier der Fall.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie im letzten halben Jahr bei Bayern gelernt haben, wofür andere manchmal Jahre brauchen. Was genau war das?

Zum einen den Umgang mit den Spielern und dem Trainer, das ist bei Bayern anders als überall sonst, das ist noch einmal eine andere Konkurrenzsituation. Ich habe gesehen, unter welchen Druck man kommen kann, wenn man im Tor steht und Fehler macht. Und ich habe gesehen, was die Medien mit dir machen können.

Was genau meinen Sie? Dass sie einen erst hochjubeln und dann fallen lassen?

Zum Beispiel. Das können die Medien ganz schnell mit dir machen. Aber man lernt den Umgang mit der Presse, was man sagen kann und was nicht.

Welche Ziele haben Sie mit Hertha?

Als Aufsteiger musst du sehen, dass du die Klasse hältst, alles andere ist Quatsch. Hertha muss natürlich sehen, dass man sich in den nächsten Jahren wieder in der Ersten Liga etabliert. Darauf arbeiten wir hin.

Das Gespräch führte Dominik Bardow.

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