Sport : Thorsten Legat ist Ronaldinho

Philipp Köster

Ich war immer ganz vorn dabei, wenn es darum ging, das Elend der deutschen Fußballreportage zu beklagen. Beckmann, Kerner, Dahlmann – Namen wie knallende Peitschenhiebe auf unseren Fernsehzuschauerrücken. Immer wieder ächzte ich gequält auf, wenn die Herren auf den Kommentatorenplätzen fünf nichtsnutzige Statistiken pro Minute vermeldeten oder bereits eine Sekunde nach dem Foul die medizinische Diagnose hineinreichten. Bemühte Wortspiele waren mir ebenso eine Pein wie der gespielte Orgasmus, der moderne Reporter selbst bei Ehrentreffern in der 87. Minute ereilte. Kurzum, bislang ähnelte ich den Besuchern eines Museums für abstrakte Malerei, die nach Betrachten der ersten vier Bilder der Gattin zuzischen: „Einen Eimer Farbe, und ich klatsch dir auch so ein Kunstwerk hin!“

Neulich allerdings schaute ich bei den Kollegen vom „WM-Studio Mitte“ vorbei, die seit Jahr und Tag den Ton vom Fernseher abdrehen und zur Gaudi des Publikums selbst kommentieren. Als ich hinter dem Pult saß und auf dem Bildschirm die Spieler von Werder Bremen vorbeisausten, geriet ich gehörig ins Schwitzen. War das gerade Klose? Mertesacker? Aaron Hunt? Bei den Kickern aus Barcelona tat ich mich noch schwerer. Den langmähnigen Puyol hielt ich für Deco, obwohl sich die beiden so ähnlich sind wie Ronaldinho und Thorsten Legat.

Ist eben doch was anderes, ob man daheim lässig mit der Fernbedienung jongliert oder auf einen Monitor starrt wie ein Habicht auf Mäusefang. Auf dem Sofa sind wir schließlich auch schon zehnmal Millionär bei Günther Jauch geworden. Erst wenn Johannes B. Kerner wieder solche Sachen sagt wie: „Obwohl man sich mit Prognosen zurückhalten sollte, gehe ich jede Wette ein, dass es ein Riesenendspiel wird“, werde ich wieder ächzen. Dann aber laut und vernehmlich.

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