THW Kiel : Big Points in Berlin

Die Füchse müssen nach der Niederlage im Spitzenspiel erkennen, dass der THW Kiel und der Meistertitel noch in weiter Ferne sind.

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Wucht mit Ball. Kiels Marko Vujin überspringt den Fuchs Iker Romero. Foto: Imago
Wucht mit Ball. Kiels Marko Vujin überspringt den Fuchs Iker Romero.Foto: Imago

Bisweilen erledigen sich die Dinge ganz von selbst. In den Tagen vor der Partie gegen Kiel hatte man es sich bei den Füchsen Berlin zum Beispiel verboten, Fragen zum Thema Meisterschaft zu beantworten, auch deshalb landete es nicht wirklich auf der Agenda der Woche. Am Sonntagabend hätte die Frage schließlich von einer gehörigen Portion Wagemut gezeugt, dafür war die Machtdemonstration des THW Kiel im Spitzenspiel der Handball-Bundesliga (33:29) einfach zu deutlich. Mit spielerischer Leichtigkeit hielten die Kieler dem Druck der Zusatztribüne in der Berliner Max-Schmeling-Halle stand, phasenweise betrug ihr Vorsprung neun Tore. Und deshalb durfte ein anderer Mann entsprechende Fragen zu seinem Team und dessen Meisterschaftschancen beantworten. Alfred Gislason erledigte die Aufgabe mit der ihm eigenen Routine, der Kieler Coach kennt das ja, er hat vier der letzten fünf Titel für seinen Arbeitgeber gewonnen. Aber dieser Sieg am Sonntag, der hatte schon etwas Spezielles. „Meine Mannschaft hat gezeigt, wozu sie nach einer spielfreien Woche im Stande ist“, sagte Gislason. „Ich bin wirklich überrascht, dass wir schon so weit sind“, ergänzte der Isländer, „das können noch ganz wichtige Punkte sein.“

Obwohl die Tabellenspitze in der Handball-Bundesliga auf den ersten Blick erfreulicherweise und wie prognostiziert so ausgeglichen daherkommt wie seit Jahren nicht mehr, hat sich der THW zum Ende der Hinrunde bereits einen kleinen, aber womöglich nicht zu unterschätzenden Vorteil im Promillebereich erkämpft und am Sonntag wahrhaftig erspielt. „Die Situation ist wirklich super, die richtig großen Auswärtsspiele sind fast alle erledigt“, analysierte Gislason. Hinter die Reisen nach Hamburg, Flensburg und Berlin kann der Rekordmeister einen Haken setzen, aus dem Spitzenquintett fehlt nur der Ausflug nach Mannheim zu den Rhein-Neckar Löwen. Erschwerend kommt für die Konkurrenz hinzu, dass die Kieler in den letzten zweieinhalb Jahren wettbewerbsübergreifend ganze drei Heimspiele verloren haben.

Bei den Füchsen verhält es sich ein wenig anders: Sie haben bereits drei der weiteren Spitzenteams in Berlin begrüßen dürfen, nur Tabellenführer Flensburg kommt noch in die Max-Schmeling-Halle. Und überhaupt warten sie in dieser Saison noch auf einen Sieg gegen ein Team von ganz oben. „Ich gebe zu: Das waren heute Big Points, aber man darf diese Statistiken auch nicht überbewerten“, sagte Gislason, „die Bundesliga ist dafür prinzipiell zu ausgeglichen dieses Jahr.“ Und der Kieler Kader besitzt auf Dauer wohl auch nicht mehr die Breite, die zuletzt arge Langeweile hatte aufkommen lassen. „Wir haben nur 13 Spieler und nicht 19 wie der HSV und ziemlich viele junge Leute“, betont Gislason, „da kann immer alles passieren.“ Als Beleg führt der 54-Jährige Wael Jallouz an, Afrikas vielversprechendsten Handballer, der im Sommer mit 22 Jahren als erster Tunesier in die Bundesliga gewechselt ist. „Er kann ein Spiel entscheiden, aber es kann auch in einer Katastrophe enden“, sagt der Ordnungsfanatiker Gislason, „und das meine ich gar nicht böse. Er braucht Zeit, die wird er kriegen.“

Wie echte Gislason’sche Prägung aussehen kann, ließ sich am Sonntag am Beispiel Marko Vujins erkennen, des mit elf Treffern besten Werfers des Spiels. Als der Serbe vor einem Jahr nach Kiel kam, brachte er zwei sportliche Charakteristika mit: einen gnadenlosen linken Wurfarm und eine nicht minder ausgeprägte Defensivschwäche. Gegen die Berliner verteidigte Vujin mehr als solide und über weite Strecken des Spiels. Wie er das hinbekommen hat? Alfred Gislason muss lachen. „Gutes Training, viel Einzelarbeit“, sagt er, „dann erledigt sich das von selbst.“

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