Sport : THW Kiel hat nicht nur Erfolg, sondern auch ein ungewöhnlich treues Stammpublikum

Johannes Taubert

Würde man bei einem Heimspiel des THW Kiel nur das Publikum filmen und dann raten lassen, welcher Veranstaltung dieses Publikum wohl beiwohnte, man würde sich wundern. Ein Liederabend mit Karl Moik vielleicht? Oder der Schleswig-Holstein-Tag? Da sitzen überwiegend ältere Herrschaften, oft Ehepaare, und klatschen den "Zebras" zu, und man kann massenhaft sehen, dass reiferes Lebensalter nicht etwa Leidenschaftslosigkeit und milde Unaufgeregheit mit sich bringt. Bisweilen hat man den Eindruck, als handele es sich um spiritistische Sitzungen, die auf eher verhaltene Nordländer eine sehr wesensverändernde Wirkung haben und darüber hinaus eine ganz eigene Magie entwickeln. In einer Stadt, die einen sehr spröden Charme besitzt und andere magische Orte nicht aufzuweisen hat. Korrekterweise müssten draußen an der Ostseehalle immer, wenn der THW Kiel spielt, Schilder stehen mit der Aufschrift "Geschlossene Gesellschaft".

Es kommt nämlich kein Sterblicher hinein. 7200 Plätze, alle ausverkauft. Dauerkartengäste allenthalben. Seit Jahren schon. Nur ein klitzekleiner Teil Kaufkarten geht noch auf den Markt, aber auch an die heranzukommen, ist ein Insidergeschäft. "Wir haben sogar schon Schwierigkeiten, genügend Karten für unsere Sponsoren zur Verfügung zu stellen", sagt Manager Uwe Schwenker. Eine Dauerkarte für den THW zu besitzen, bedeutet in Kiel nicht nur Eintritt in die Ostseehalle, sondern in die bessere Gesellschaft. In die oberen 7000. Die anderen bleiben Fußvolk und müssen leider draußen bleiben. Deshalb werden in Kiel Dauerkarten auch eher vererbt. Sie bleiben in der Familie. Hat sich mal ein Clan Zugang zu den heiligen Hallen verschaffen können, gibt er ihn nicht einfach wieder ab.

So kommt es, dass sich die Gesichter in der Mannschaft häufiger ändern als die im Publikum. Dort sitzen immer dieselben, können auch nicht ausgewechselt werden. Dabei spielt die Gemeinde-Truppe auch noch immer zum familienfeindlichsten und ausgeh-unfreundlichsten Zeitpunkt: Samstagabends um 19 Uhr. Allein daran kann man erkennen, dass sich zum Beispiel für Fußball kein Kieler ernsthaft interessiert. Warum auch?

Allerdings sehr für Schweden. Namentlich für Magnus Wislander. Zehn Jahre spielt der alte Schwede, inzwischen bereits 36, nun in Kiel. Allein seine lässige "Gib-Pfötchen"-Handhaltung beim Laufen ist sehenswert, und erst recht, was er sonst so mit den Händen macht. Inzwischen hat er seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Zusammen mit Staffan Olsson, der immer noch genauso aussieht, wie Handballer vor 30 Jahren aussahen, bilden die beiden Schweden das Herz der Mannschaft.

Abgerundet wird das Gesamtkunstwerk von Nenad Perunicic, der gegnerischen Torhütern regelmäßig Ohrensausen verschafft, wenn seine Bälle neben ihnen einschlagen. Und der Däne Nicolaj Jacobsen, Linksaußen, quält die Torsteher der Liga auf besondere Art. Mit Siebenmetern perfidester Form. Tritt er an, werden seine Arme zu Tentakeln, die den Ball in spiralförmigen Bewegungen um die Torhüter schlängeln. Er wirft nicht einfach, er hinterlegt quasi den Ball im Tor.

Zwei Schweden sind nicht das Schlechteste, was einer Handball-Mannschaft passieren kann. Wislander zum Beispiel war zwei Mal Weltmeister, drei Mal Europameister, Olympiazweiter und fünf Mal Deutscher Meister mit dem THW. Um nur das Nötigste zu nennen. Nur die Champions League haben die Schweden noch nicht gewonnen, der erste Teil dieser Krönung soll aber heute Abend im Final-Hinspiel gegen den FC Barcelona stattfinden. Auch die Deutsche Meisterschaft ist greifbar nah. Schließlich schwächelt der Konkurrent aus Flensburg-Handewitt zum Saisonende regelmäßig, wenn er den Atem der nie aufgebenden Kieler im Nacken spürt.

Wer da noch das Kürzel THW als "Technisches Hilfswerk" entschlüsselt, dem ist nicht mehr zu helfen. Jedenfalls nicht in Kiel.

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