Sport : Ticket gegen Lebenslauf

Christoph Kieslich

Wenn die Freiburger Spieler heute Abend beim Uefa-Cup-Spiel im Rotterdamer De Kuip ihren Fans zuwinken werden, könnten sie sich auch namentlich bei jedem einzelnen für die Rückenstärkung bedanken. Zum ersten Mal macht der SC Freiburg Bekanntschaft mit den unangenehmeren Begleiterscheinungen der europäischen Fußballbühne. Die beiden Spiele gegen Feyenoord sind Veranstaltungen der höchsten Sicherheitsstufe, und nur wer eine Art detailierten Lebenslauf ausgefüllt hat, bekam ein Ticket für das Spiel in Rotterdam verkauft.

Für die Polizei in Rotterdam sind die hohen Sicherheitsstandards nichts Außergewöhnliches. Als Austragungsort der EM vor eineinhalb Jahren wurde die prächtige Fußball-Arena De Kuip in eine Art Fußball-Festung verwandelt. Nach den letzten großen Schlachten niederländischer Hooligans vor drei Jahren steht Feyenoord in dem Ruf, noch immer eine große Gruppe gewaltbereiter Begleiter zu mobilisieren.

Freiburg lernt dagegen. In zehn Jahren Bundesliga kam es im und rund ums Dreisamstadion zu keinerlei nennenswerten Zwischenfällen; die letzten Scharmützel, die sich Hooligans aus der Region und Mannheim fern der Schwarzwaldstraße geliefert haben, liegen einige Jahre zurück. "Freiburg ist ein befriedeter Standort", sagt Polizeisprecher Ulrich Brecht, "aber die Spiele gegen Feyenoord hängen wir sehr hoch."

Auch deshalb ist Wolfram Siefert zusammengezuckt, als vor knapp drei Wochen die Rotterdamer dem SC Freiburg zugelost wurden. "Sportlich ist das vielleicht zu packen", vermutet der Sprecher der Fangemeinschaft, "aber für uns Fans war das Los ein Schock." Zunächst hat der Verein seinen Anhängern von einer Reise nach Rotterdam abgeraten: "Wir sind für jeden dankbar, der nicht hinfährt", entfuhr es SC-Sprecher Oliver Büser vor zehn Tagen.

Inzwischen hat sich der erste Schreck gelegt. Der Appell von Manager Andreas Rettig, der Verein könne nicht für die Sicherheit der Fans garantieren, hat gefruchtet, und nun rollt am Spieltag ein Sonderzug von Freiburg direkt vors Stadion. Den 50 000 Mark teuren Extraeinsatz der Bundesbahn finanzieren die 340 angemeldeten SC-Fans über den Preis von 180 Mark für Fahrt und Eintrittskarte. Von einem eigenen Bahnsteig vor dem De Kuip aus wird die südbadische Reisegruppe durch eine speziell konzipierte Röhre direkt in den Gästefanblock des mit 45 000 Zuschauern wahrscheinlich ausverkauften Stadions geleitet. Dass der Ausflug ans Rheindelta ein eher trister wird, dass sämtliches Rahmenprogramm flach fällt aus Furcht vor einer Konfrontation in der Innenstadt, nehmen die Fans des SC hin. Auch, dass sie nach Spielschluss eine Stunde lang in ihrem Block im De Kuip verharren müssen, um dann schnurstraks durch die Röhre zurück zum Sonderzug dirigiert zu werden: Abfahrt ist pünktlich um Mitternacht. Bei Wolfram Siefert bleibt ein "mulmiges Gefühl". Schließlich sind auch die SC-Anhänger erstmals Teil eines Problemspiels - oder zumindest einer Begegnung, in deren Vor- und Nachbereitung ein riesiger Aufwand betrieben wird, um Probleme zu vermeiden.

Ähnlich wie bei den jüngsten Aufeinandertreffen von Feyenoord mit deutschen Mannschaften werden mehrere Hundertschaften Bereitschaftspolizei zusammen gezogen. "Wir setzen auf Deeskalation", sagt Ulrich Brecht, "aber wir werden auch nicht dulden, dass sich jemand in der Freiburger Innenstadt austobt - egal ob er nun Feyenoord-Fan oder SC-Fan ist." Dennoch bestehe kein Grund dazu, "bereits im Vorfeld Panik zu verbreiten", so Brechts Einschätzung vor dem ersten Spiel in Rotterdam.

Die eigentliche Aufgabe kommt auf Freiburg auch erst mit dem Rückspiel am Nikolaus-Tag zu. Das Dreisamstadion, an der Peripherie eines Wohngebietes gelegen, wird nachgerüstet für die Gäste aus Holland. Die Trennzäune werden erhöht und Plexiglasscheiben eingezogen - Maßnahmen, mit denen im De Kuip gute Erfahrungen gemacht worden sind. Andreas Rettig rechnet vor, dass mit rund 850 Fans aus Rotterdam gerechnet wird und der Verein "ein Heidengeld" in die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen steckt: "Das müssen wir tun, denn schließlich werden wir als Veranstalter in die Verantwortung genommen."

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