Sport : Tiefer Griffin leere Kassen

Noch ist unklar, ob Rocchigiani

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Von Gerhard Waldherr

New York. Es dämmerte bereits, als Graciano Rocchigiani in New York das US Courthouse am Foley Square verließ und empfangen wurde von einer Hand voll Reportern und zwei Fernsehkameras. Kaum noch Verkehr in Downtown Manhattan, eine Gruppe Dudelsackpfeifer marschierte vorbei, und die Häuser schienen in den Himmel zu wachsen. Da stand er nun und wusste zunächst nicht, was er sagen sollte. Kurz zuvor hatten die Geschworenen elf Stockwerke höher ihr Urteil im Verfahren mit dem Aktenzeichen 98-CV-6781 bekannt gegeben. Das Urteil lautete: Graciano Rocchigiani wird Multimillionär. Der Box-Weltverband WBC muss dem Profiboxer 31 Millionen Dollar als Strafe dafür zahlen, dass er dem Ex-Weltmeister den WM-Gürtel gestohlen hatte. Nach Ansicht der siebenköpfigen Jury hatte der WBC „wissentlich, rücksichtslos und bösartig" gehandelt, als er dem Berliner 1998 den Titel im Halbschwergewicht aberkannte und kurzerhand Roy Jones jr. zusprach, damit dieser einen hoch dotierten Fight auf dem US-Kabelkanal HBO bestreiten konnte.

Rocchigiani sagte nur: „Das ist ein Hammer." Nie zuvor hat ein Boxer eine vergleichbare Summe erstritten. Zuerst war der 38-Jährige aufgeregt aufs Klo gerannt und hatte dann die Faust aus dem Fenster gehalten, ein Zeichen für seine unten auf der Straße wartende Freundin. Später umarmte er die Geschworenen und schickte via Fernsehen Grüße an Ehefrau Christine, seine ehemalige Managerin, von der er inzwischen getrennt lebt. „Man hat mich für einen Spinner gehalten", sagt Rocchigiani, „dabei ging es mir immer auch darum, dass man uns Kämpfer nicht zur Ware degradiert.“ Sein Anwalt Peter Schlam sagte: „Hut ab vor Rocky, niemand hat der Boxmafia bisher so tapfer die Stirn geboten.“

Dieser Rocchigiani musste mangels finanzieller Rücklagen seine Anwälte an der eventuellen Schadensersatzsumme beteiligen; üblich sind in den USA in solchen Fällen 20 bis 30 Prozent, auch seine Frau Christine, die als Mitklägerin fungierte, und das Finanzamt werden mit kassieren. Rocchigiani: „Noch hab ick nüscht." Die große Fragen lauten jetzt: Erhält er denn etwas? Und wenn ja: wie viel? Seinen Bilanzen zufolge verfügt der WBC, der in Mexiko-Stadt residiert und zehn Angestellte hat, derzeit nur über ein Vermögen von 263 000 Dollar. Rocchigianis Anwälte ließen deshalb verfügen, fortan jede Ausgabe über 5000 Dollar kontrollieren zu dürfen. „Das Urteil kommt dem Ruin des WBC gleich", sagte deren Anwalt James Mercante. Was das bedeuten würde für die 17 amtierenden WBC-Weltmeister und deren Verträge mit Fernsehsendern und Sponsoren in Millionenhöhe, kann noch niemand ermessen. Schlams Kollege Richard Dolan meinte lapidar: „Für die selbstherrlichen Boxpäpste gilt jedoch ab sofort: Partytime is over!“

Das Ende der Partytime war absehbar. Denn das neuntägige Verfahren war geprägt von peinlichen Aussagen, Gedächtnislücken und Widersprüchen des WBC-Präsidenten Jose Sulaiman, dessen Verteidiger nicht einmal vor der Präsentation gefälschter Dokumente zurückschreckten. Schlam: „Das Urteil ist eine deutliche Botschaft, dass Verbände mit ihren Athleten nicht so umgehen dürfen.“ Der WBC hat Einspruch angekündigt, damit jedoch wohl wenig Aussicht auf Erfolg. „Für uns ist das eine Formsache", sagt Schlam, „wir sehen keine Probleme.“

Rocchigiani, der derzeit in Berlin eine einjährige Gefängnisstrafe verbüßt, weil er gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen hat, ging während der Verhandlung trotzdem durch ein Wechselbad der Gefühle. An manchen Tagen wirkte er gereizt, nervös, an anderen gab er sich wortkarg und lethargisch. Rocchigiani: „Ich bin zu oft enttäuscht worden, am Ende war immer ich der Dumme.“

Am Freitagabend schließlich fühlte Rocchigiani sich „zum erstenmal im Leben gerecht behandelt“.

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