Sport : Tiefstapler unter sich

Niemand will derzeit in der Formel 1der WM-Favorit sein, aber die Fakten sprechen für Juan Pablo Montoya und BMW-Williams

Karin Sturm

Budapest. Ganz Italien scheint unter Schock zu stehen. Zumindest die großen Zeitungen hinterlassen nach dem Grand Prix von Budapest, der für Michael Schumacher und Ferrari mit einem Debakel endete, diesen Eindruck. Während „Tuttosport“ den fünfmaligen Weltmeister bereits zu Grunde gehen sieht und „La Repubblica“ schreibt, dass der Deutsche zusammenbricht, fällt der „Corriere della Sera“ ein weiter reichendes Urteil: „Ferrari steckt in einer tiefen Krise.“ Nur wer nicht ein Fan der Roten aus Maranello ist, kann dem Geschehen auf dem Hungaroring, dem achten Platz des WM-Favoriten, etwas Positives abgewinnen. In den ausstehenden Rennen in Monza, Indianapolis und Suzuka steht nunmehr die spannendste WM-Entscheidung seit Jahren an.

„Dieses Finale wird ein Thriller“, sagt auch BMW-Motorsportchef Mario Theissen. Michael Schumacher, Kimi Räikkönen (McLaren-Mercedes) und sein Fahrer Juan Pablo Montoya liegen nunmehr innerhalb von drei Punkten. „Da ist alles möglich. In der Konstrukteurs-WM sieht es für uns jetzt wirklich sehr gut aus, aber in der Fahrer-WM ist für mich trotz allem Michael Schumacher immer noch der Favorit“, sagt Theissen. Ein wenig Tiefstapelei ist dabei, immerhin waren die BMW-Williams auch in Ungarn den Ferraris überlegen. Nur durch die völlig verpatzten Starts büßten sie ihre Siegchancen ein.

Auch Mercedes-Sportchef Norbert Haug möchte nach Ungarn die Position des Favoriten nicht übernehmen, er sieht die Silbernen und Kimi Räikkönen nur als „Nummer drei, was uns nicht daran hindern wird, alles zu versuchen.“ Ausgerechnet Michael Schumacher, der in den in den zurückliegenden Rennen der langsamste der Titelkandidaten war, verbreitet die größte Zuversicht. „Immerhin führe ich noch in der WM“, sagt er, was viele für eine Durchhalteparole halten. Ebenso, wie die Betonung des eigenen Kampfgeistes: „Ich habe noch nie einen Kampf gescheut. Wir müssen nur das Optimale aus dem Auto herauszuholen. Ich glaube, dass es da noch einige Dinge gibt.“ Auf konkretes Nachfragen, was denn an dem Ferrari zu ändern sei, musste Schumacher allerdings passen: „Wenn ich das so genau wüsste.“

Selbst Ferrari-Sportdirektor Jean Todt, der ansonsten immer mal wieder „die Ferrari-Qualitäten, die uns befähigen, jederzeit zurückzuschlagen“, hervorhebt, ist nachdenklich geworden: „Sicher haben auch unglückliche Umstände eine Rolle gespielt, aber wir müssen feststellen, dass wir das ganze Wochenende über zu langsam waren“, sagt der Franzose. „Wir haben jetzt ein Testprogramm in Fiorano und Monza vor uns, da werden wir Neues bringen.“ Das wird auch ein Muss sein, wenn das Ferrari-Heimspiel in Monza am 14. September nicht zur erneuten Pleite werden soll.

Michael Schumacher setzt sehr viel auf die Rennstrecke im Park von Monza, weil „sie unserem Auto gut liegt, wo wir wieder absolute Sieges-Chancen haben sollten. Man darf auch nicht vergessen, dass ich in Montreal zum letzten Mal gewonnen habe – und Monza jetzt ist vom Charakter her Montreal ähnlich“. Die langen Geraden sind aber auch für die BMW-Power ideal. Bei dem gegenwärtigen Aufwärtstrend sind die Weiß- Blauen mit Montoya die eigentlichen Favoriten. Kimi Räikkönen dagegen gibt zu: „Für uns könnte Monza schwierig werden."

Eine andere Ausgangsposition wird es in Indianapolis am 28. September geben, wenn die Boliden auf der am schwierigsten zu berechnenden Strecke fahren werden. Für den US-Grand-Prix rechnen sich alle Favoriten gute Chancen aus. Michael Schumacher, der Indianapolis zu den anspruchsvollsten Strecken zählt, Williams-Technikchef Patrick Head, der sagt, „vor Indianapolis habe ich wie vor Monza keine Bedenken", und auch Räikkönen: „Da haben wir mindestens so gute Chancen wie alle anderen.“

Schumachers größte Hoffnung aber ist Suzuka am 12. Oktober. Der Kurs des WM-Finales in Japan gilt auch bei fast allen anderen als typische Ferrari- und vor allem Schumacher-Strecke, weil der Weltmeister gerade in den Kurvenpassagen des ersten Streckenteils immer sensationell unterwegs war. Nur, Juan Pablo Montoya war dort nicht viel schlechter. Deshalb tippt „Radio Fahrerlager“, wie die Gerüchteküche in der Formel 1 genannt wird, mehrheitlich auf den Kolumbianer – als Weltmeister 2003.

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