Sport : Tierischer Stress

Sportpferden geht es wie menschlichen Leistungssportlern – das ständige Reisen zu Turnieren strengt sie körperlich und seelisch an

Ingo Wolff

Berlin. Christian Ahlmann muss gleich raus in die Arena. Es bleiben nur noch Sekunden, in denen er sich auf sein Sportgerät konzentrieren kann. Er muss es beherrschen – während 5000 Augenpaare auf ihn gerichtet sind. Der Hallensprecher kündigt schon seinen Namen an, und der Applaus für den Europameister brandet auf. Sein Sportgerät spitzt die Ohren. Cöster lauscht auf dem Weg in den Parcours dem Lärm der Zuschauer. Auf die Konzentration des zehnjährigen Wallachs kommt es in den nächsten Minuten an. Wird der Schimmel die Ruhe bewahren und die Prüfung fehlerfrei durchspringen? Oder wird er nervös und wirft die eine oder andere Stange ab?

Wahrscheinlich wird das Springpferd aber wieder die Ruhe bewahren, wie so oft in den letzten Wochen. „Cöster ist ein unkompliziertes Pferd. Er ist brav, ohne Flausen im Kopf“, sagt Ahlmann. „Du kannst ein Kind auf ihn setzen, das registriert er gar nicht.“ Der 28-jährige Springreiter aus dem westfälischen Marl und der Wallach sind das Aufsteigerduo der Saison. Bei der Europameisterschaft im August gewann Ahlmann Gold mit der Mannschaft und überraschend auch den Einzeltitel. Dabei stand im Frühjahr noch nicht einmal fest, ob er überhaupt nominiert werden würde. Seit diesem Erfolg sind die beiden stark gefragt, werden zu allen großen Reitturnieren eingeladen. So auch am kommenden Wochenende zum CHI in Berlin.

Doch jede Einladung ist nicht nur eine sportliche Belastung. Die Fahrt zu den Turnieren bedeutet auch Stress. „Wir versuchen, die Anreise so angenehm wie möglich zu gestalten“, sagt der Springreiter. „Wir können nicht 14 Stunden am Stück fahren.“ Er muss den Pferden zwischendurch eine Verschnaufpause gönnen. „Pferde urinieren nicht in den Transporter“, sagt Ahlmann. Nach sieben bis acht Stunden Fahrt muss er zudem eine längere Pause machen. Solche Reisen verlangen eine Menge Vorplanung.

Zudem ist der Transport mit jedem Pferd anders. „Es gibt gute Reisende und Pferde, die das nicht gut vertragen und extrem ruhig oder unruhig werden“, erzählt Ahlmann. „Wenn diese Pferde ungeduldig werden, treten sie gegen die Wand und verletzen sich.“ Ähnlich wie andere Leistungssportler reisen Toppferde viel durch die Welt. Sie sind die Manager unter den Tieren. Ständig unterwegs und nur selten im eigenen Stall.

Immerhin finden viele wichtige Turniere in Deutschland oder Nachbarländern statt. Aber selbst zu den Weltreiterspielen in Jerez ist Ahlmann mit dem Hänger gefahren. Zu den Olympischen Spielen in Sydney oder zum Weltcup-Finale im vorigen Jahr in Las Vegas mussten die Pferde allerdings im Flugzeug reisen. Cösters Besitzerin, die Amateurweltmeisterin im Trabrennfahren Marion Jauß schloss sogar eine Zusatzversicherung ab. Weil es der erste Flug für den Wallach war. Doch das war nicht notwendig, der Flug verlief ruhig. Die Flüge sind ohnehin nicht mit normalen Fracht- oder Linienflügen zu vergleichen. In solchen Fällen wählen die Cargolinien sehr erfahrene Piloten aus. Diese starten und landen besonders vorsichtig. Während des Fluges müssen die Pferde auch ständig ihren Betreuer um sich haben. Das bekannte Gesicht beruhigt die Pferde. Nur im Notfall wird panischen Pferden ein Beruhigungsmittel gegeben. Gelegentlich bekommen sie auch Fieber oder Koliken. Immerhin leiden Pferde nach dem Flug nicht unter Jetlag.

Inzwischen beschäftigen sich sogar Sportwissenschaftler mit den Sportpferden und bieten eine Leistungsdiagnostik an – wie beim menschlichen Leistungssportler. Mit Tierärzten und Heilpädagogen arbeiten alle Springreiter eng zusammen. Pferde werden gegen Viruskrankheiten geimpft, da sie ständig auf engem Raum mit anderen Pferden und Menschen sind. Außerdem leiden Leistungspferde wie Leistungsmenschen unter Verletzungen und zeigen Belastungssymptome. „Auch Toppferde haben ihre Wehwechen“, erklärt Ahlmann. Einige Springreiter setzen auch auf Psychologen und heilende Kräfte wie die des Pferdeflüsterers Monty Roberts und seiner deutschen Vertretung Andrea Kutsch. Christian Ahlmann hält von psychologischer Betreuung der Pferde allerdings wenig. „Anders als bei einem Rennpferd wird ein Springpferd nicht an seine Leistungsgrenze gebracht“, sagt Ahlmann. „Es muss vor allem Konzentration da sein. Der Reiter muss selbst spüren, ob ein Pferd Ansporn oder Ruhe braucht. Große Tricks gibt es da nicht.“ Jeder Reiter müsse das für sich selbst herausfinden. Und Psychologen würden den Tieren auch nur Respekt einflößen oder mit bestimmten Übungen die Angst nehmen. „Wenn der eine oder andere Reiter besser auf sein Pferd achten würde, bräuchten wir keine Psychologen.“

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