Sport : Tim Wiese

Wie der Bremer Torhüter das Spiel gegen seinen früheren Verein 1. FC Kaiserslautern erlebte

Morten Holm

Nach drei Minuten und 27 Sekunden ist Tim Wiese Bremer. Marco Engelhardt kommt ihm entgegen, legt sich den Ball aber etwas zu weit vor. Wiese rennt aus dem Tor und springt mit beiden Beinen vorwärts los. Andere Torhüter hätten hier wohl die Hände genommen. Wiese aber denkt nicht an seine beiden Kreuzbandrisse und tritt den Ball vor Engelhardt aus dem Strafraum.

Der Stadionsprecher im Bremer Weserstadion manipuliert die Werder-Anhänger etwas, er ruft in sein Mikrofon: „Mit der Nummer 18, Tim …“ Die Fans vollenden prompt, aus vielen Kehlen: „Wiese!“ Es folgen ein paar Tim-Wiese-Sprechchöre. Ganz schnell ist der Torwart von Werder Bremen an diesem Nachmittag einer von ihnen geworden. Er ist ihr Torwart, denn Andreas Reinke, der sonst ihr Torwart ist, hat sich am Mittwoch in Stuttgart schwer am Kopf verletzt. Deswegen ist an diesem Samstagnachmittag gegen den 1. FC Kaiserslautern die Zeit gekommen für den 24 Jahre alten Wiese. Er steht zum ersten Mal in einem Punktspiel im Tor der Bremer. Zum ersten Mal, nicht weil er wesentlich schwächer wäre als der 37 Jahre alte Andreas Reinke, sondern weil er sich im Sommer 2005 wieder das Kreuzband gerissen hat. Zum zweiten Mal.

Im Winter hat Wiese gesagt, seine Knie seien „brutal stabil“, Wiese ist von eher schlichtem Gemüt, philosophische Äußerungen sind von ihm nicht zu erwarten, aber er ist ein guter, mutiger Torwart, der auch schon einmal beim 1. FC Kaiserslautern gespielt hat. Er wäre lieber anders zu seinem Debüt gekommen, hat Wiese gesagt, nicht durch eine so schreckliche Verletzung seines Kollegen Reinke. An den richtet sich der Gruß der Bremer Fans auf beiger Pappe: „Alles Gute, Andi!“

Doch heute schaut alles auf Wiese, während Reinke sich von seinen Gesichtsverletzungen in einem Bremer Krankenhaus erholt. Wiese hat sein pinkfarbenes Lieblingstrikot an und ist braun gebrannt wie ehedem – er mag es, schön auszusehen. Und obwohl ihn die Fans anderer Vereine wegen seines Auftretens verspotten, bleibt er dabei. Irgendwie spricht das ja auch für ihn.

Nach 20 Minuten Ruhe gegen biedere Lauterer muss er wieder ran, doch Abseits. Dann hält er einen schwachen Schuss von Zandi in der 27. Minute. In der 33. Minute rennt er raus und lässt einen Ball an der Strafraumgrenze fallen. Es bleibt die einzige Unsicherheit. Als die zweite Halbzeit beginnt, hat er die Werder-Fans im Rücken. Sie rufen seinen Namen, er winkt, man kennt das, es ist ein völlig normales Spiel, das Werder bestimmt gewinnt, weil Werder doch so überlegen ist. Dann aber fällt erst ein Tor der Gäste, Sanogo trifft, Wiese hat keine Chance, weil seine Verteidiger wieder mal schlecht aussehen. Und dann fällt das 2:0 in der 88. Minute durch Skela, wieder fehlt die Unterstützung.

Tim Wiese schüttelt den Kopf, das war ein Debüt, das nicht so recht nach seinem Geschmack verlief. Kaum ein Torschuss, was kam, war drin. Werder verliert gegen den Tabellenletzten und glaubt endgültig nicht mehr an die Meisterschaft. Wiese hofft, in zehn Tagen in der Champions League gegen Juventus Turin mehr zeigen zu können.

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