TIME Out : Effizienz gegen Enthusiasmus

Sebastian Moll über San Antonio und Cleveland, die Finalisten der NBA

Sebastian Moll

Es knallten keine Sektkorken, es wurden keine Gesänge angestimmt – in der Kabine der San Antonio Spurs herrschte eher ruhige Zufriedenheit als rauschende Euphorie nach dem Gewinn der Western Conference am vergangenen Mittwoch. Schließlich hat man hier in Texas schon drei Mal den NBA-Titel gewonnen – da wird ein Halbfinalsieg eher als ordentlich erledigter Job angesehen denn als großer Triumph. Es würde aber auch gar nicht zum Stil der Mannschaft passen, übertrieben aus sich herauszugehen: Die Spurs sind Meister des Understatement, nüchterne Basketball-Geschäftsleute, die tun, was zu tun ist, um erfolgreich zu sein.

In Cleveland ging es nach dem Gewinn des Eastern-Conference-Titels gegen Detroit, dem Champion von 2004, ganz anders zu. LeBron James, der 22 Jahre alte Superstar der Cavaliers, stand beinahe eine halbe Stunde lang im Konfettiregen und ließ sich feiern. James hatte die Anhänger des seit langer Zeit erfolglosen Klubs elektrisiert – nicht zuletzt mit seinem 48-Punkte-Auftritt in Spiel Nummer fünf, bei dem er 29 der letzten 30 Punkte seines Teams beisteuerte und Cleveland in der zweiten Verlängerung zum entscheidenden Sieg führte.

Die beiden Mannschaften, die ab Donnerstag den Titel um die US-Basketballmeisterschaft unter sich ausmachen, könnten vom Temperament her nicht unterschiedlicher sein. San Antonio ist unterkühlt, effizient und langweilig. Der Stil des Teams ist es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, verkörpert durch den lakonischen, wortkargen Kapitän Tim Duncan. Die Fans begeistern die Spurs hingegen nicht. Die Einschaltquote beim letzten NBA-Finale mit Spurs-Beteiligung war eine der niedrigsten, seit Basketball im TV übertragen wird.

Ganz anders sind da die Cavaliers. Ihr Kapitän LeBron James ist genau der Typ, auf den das Publikum anspricht. Er kann den Mund nicht voll genug nehmen, lässt sich bereitwillig als den größten Spieler seit Michael Jordan feiern und hat es sich zum Ziel gesteckt, als erster Sportler der Welt eine Milliarde Dollar zu verdienen. Auf dem Tattoo, das großflächig seinen Rücken bedeckt, steht „Chosen 1“ – der Auserwählte. Die Fachleute bezweifeln allerdings, dass das außergewöhnliche Talent von James ausreicht, die Cavaliers zum Titel zu führen. James gegenüber steht nämlich als Kapitän ein Mann, der das Spiel in seinen zehn Profijahren nicht nur körperlich, sondern auch intellektuell bis ins Letzte durchdrungen hat. Und er hat, anders als James, mit Tony Parker und Manu Ginobili zwei weitere Spieler der Extraklasse neben sich. Gewinnen werden aller Voraussicht nach die Routine und die Professionalität. Manche mögen das langweilig finden. Duncan und seine Spurs wird das jedoch weiterhin herzlich wenig interessieren.

An dieser Stelle erklären die US-Korrespondenten Matthias B. Krause und Sebastian Moll Phänomene aus dem nordamerikanischen Sport.

0 Kommentare

Neuester Kommentar