Timo Boll : Wenn heute Olympia wäre

Die Konkurrenz ist müde, doch der deutsche Tischtennis-Star Timo Boll spielt sich derzeit an die Form seines Lebens heran. Ab dem heutigen Freitag auch in Berlin.

Friedhard Teuffel
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Schlägt sich gut. Timo Boll hat zuletzt mehrere Turniere hintereinander gewonnen.Foto: ddp

Ins Turnier ist er noch gar nicht eingestiegen, aber seine erste Auszeichnung hat sich Timo Boll trotzdem schon in Berlin abgeholt. Ein Silbernes Lorbeerblatt, überreicht von Bundespräsident Horst Köhler im Tempodrom. Das bekam Boll gemeinsam mit anderen erfolgreichen Olympiateilnehmern, weil er mit der deutschen Mannschaft in Peking die Silbermedaille gewonnen hatte. Das Lorbeerblatt ist Deutschlands höchste sportliche Auszeichnung, die höchsten Auszeichnungen im Tischtennis will Boll auch noch erreichen, eine Einzelmedaille bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften, als Krönung einer heraus ragenden Karriere.

Es wäre auch ein hübsches Experiment, das olympische Turnier einfach jetzt noch mal ausspielen zu lassen. Denn im Grunde kamen die Olympischen Spiele für Boll zu früh. Er war lange verletzt, spielte sich erst langsam wieder heran. „Vor einem halben Jahr wusste ich wirklich nicht, ob das mit Olympia etwas wird“, sagt er. Während andere nun schon müde sind, hat sich Boll erst richtig warm gespielt. „Ich bin jemand, der viele Spiele zum Besserwerden braucht“, sagt Boll. Doch bei den German Open im Velodrom kann er nur schwer beweisen, dass er sich gerade der Form seines Lebens nähert.

An diesem Freitag steigt Boll um 13 Uhr gegen Sharath Kamal Achanta, einen Qualifikanten aus Indien, ins Turnier ein. In der zweiten Runde könnte er auf seinen langjährigen Doppelpartner Christian Süß treffen. Doch auf die ganz besonderen Gegner wird Boll vergeblich warten. Die Chinesen sind nicht gekommen, sie stecken mitten in der Saison der chinesischen Superliga. Die ist ihnen wichtiger, als ihre Spieler zum nacholympischen Kräftemessen nach Europa zu schicken.

Boll selbst würde nicht sagen, dass er die Chinesen jetzt besiegen würde. Schon weil er zu bescheiden ist. Und er ist einfach zufrieden, dass die Saison doch noch einen guten Verlauf für ihn genommen hat. Vor einem Monat wurde er in St. Petersburg Europameister im Einzel, Doppel und mit der Mannschaft und ist damit der erste Spieler, der diesen dreifachen Triumph erfolgreich verteidigen konnte. Danach gewann er die Austrian Open und den Supercup in Moskau. „Im Moment habe ich einen richtigen Lauf“, sagt Boll, „nach der Silbermedaille in Peking ist eine Menge Druck abgefallen, so lässt es sich leichter spielen.“

Der Vergleich mit den Chinesen wird Boll dennoch weiter begleiten. In diesem Jahr war Boll ihr Herausforderer Nummer eins. Deshalb hatten sich vor Olympia Medien aus der ganzen Welt bei ihm zum Interview angemeldet, unzählige chinesische oder auch die „New York Times“. Ein Europäer, der die Chinesen in ihrem Nationalsport bedroht, das war die Geschichte. Beendet hat sie nur kein Chinese, sondern ein Südkoreaner. Oh Sang Eun warf Boll im Achtelfinale aus dem Turnier. Auch gegen ihn kann sich Boll in Berlin nicht rehabilitieren, die Südkoreaner haben ebenfalls abgesagt.

Timo Boll kann sich seine Termine nicht so frei aussuchen. Er spielt in der Bundesliga, in der Champions League, bei vielen europäischen Turnieren und Meisterschaften. Er fühlt sich verpflichtet. „Das deutsche Tischtennis ist in einer Phase, in der man noch investieren muss“, sagt Boll. Er weiß, dass das Verständnis gering wäre, wenn er mal eine deutsche Meisterschaft ausließe, um sich zu schonen oder auf ein Turnier vorzubereiten.

Wann es ihm zu viel wird, das merkte Boll früher oft erst, als es zu spät war. Zahlreiche Verletzungen waren die Fol ge. Inzwischen schafft er es besser, auf seinen Körper zu hören und auch mal einen Start auszulassen. Am Sonntag hatte er sich beim Spielen leicht den Fuß verdreht. Nichts Ernstes, aber Boll verzichtete trotzdem lieber auf den Mannschaftswettbewerb bei den German Open. Dort spielen die deutschen Damen heute im Halbfinale um 19 Uhr gegen Japan. Die deutschen Herren treffen eine Stunde später auf Spanien. Timo Boll spart währenddessen seine Energie.

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