Tischtennis : Allmacht gegen Ohnmacht

Sport im Hoheitsgebiet: China dominiert die Mannschafts-WM im eigenen Land und bedroht Tischtennis mit Langeweile.

Jörg Petrasch[Guangzhou]

Am letzten Tag strömten endlich die Massen. So leer das Guangzhou-Gymnasium mit seinen rund 10 000 Plätzen auch in den Anfangstagen war – zum Höhepunkt der Mannschafts-Weltmeisterschaft im Tischtennis bevölkerten die Chinesen die Halle bis auf den letzten Platz. Das Stück, das aufgeführt wurde, hieß: China gegen Südkorea, Finale der Männer. Wie vor zwei Jahren bei der WM in Bremen. Und so könnte das Endspiel wohl auch im August in Peking lauten. Dann, wenn es wirklich wichtig ist: bei Olympia im eigenen Land. Dass China diese WM in Guangzhou gewinnen würde, stand von vornherein außer Frage. Dass die Volksrepublik Team-Gold in Peking holt, ist schon beschlossene Sache. Und das ist daran zu erkennen, dass Chinas Tischtennis-Stars schon eine für ihre Verhältnisse durchschnittliche Leistung zu einem 3:0 gegen Südkorea reichte.

Den Zuschauern, die gekommen waren, um ihre Idole zu sehen, war das offensichtlich egal. Sie wollten ein Spektakel. Und sie bekamen es. Denn je verhaltener die Herren Wang Liqin, Wang Hao, Ma Lin und La Long spielen, desto besser ist es für die Zuschauer. Denn dann gibt es lange und spektakuläre Ballwechsel. Dann gehen die Zuschauer mit, jubeln und schreien. Auch für den Gegner. Da unterscheidet der zuschauende Chinese im Tischtennis nicht so. Nur gewinnen muss das eigene Team. In Guangzhou wurde es ihnen nicht schwer gemacht.

„Es ist bitter, dass einige Länder gegen China nicht in Bestbesetzung angetreten sind. Die Chinesen mussten lange nicht zeigen, was sie können“, sagt Deutschlands Altstar Jörg Roßkopf. Diese Praxis, in den Gruppenspielen den amtierenden und zukünftigen Weltmeister zu schonen, um die eigenen Spieler nicht zu demütigen, ist ein Zeichen von Resignation. Und von Allmacht. Bis zum Finale hatte das Team China überhaupt keine annähernd ernsthafte Konkurrenz. Das Halbfinale glich einem besseren Warmspielen, denn niemals würde ein Team aus Hongkong gegen das Mutterland gewinnen.

Im Turnier gab das Herren-Team einen Punkt ab. Weltmeister Wang Liqin unterlag dem Rumänen Mihai Andrei Philimon. Das war kein Zufall. Philimon, der alles oder nichts spielt, hatte im Gruppenspiel nahezu jeden Ball getroffen und deutlich über seinem Vermögen gespielt. Und Wang spielte schlecht. „Der muss ein hartes Wintertraining gemacht haben. Er war deutlich langsamer und hat viele leichte Fehler gemacht“, sagt Roßkopf. Parallel zum Finale wurde bekannt, dass China Wang zur Qualifikation für Olympia schickt. Nur zwei Spieler sind nach den Regeln direkt für Peking qualifiziert, das sind bei China: Wang Hao und Ma Lin. Die sind besser als der Weltmeister. Der muss sich erst noch qualifizieren. Offensichtlich haben sie ihn mehr als das normale Maß im Training belastet.

Für die Spieler beginnt bald der Ausnahmezustand. Noch mehr und noch härter werden sie trainieren und vorbereitet sein. So gut, dass sie niemals in Gefahr laufen sollten, an eine Niederlage auch nur denken zu müssen. Im Einzel kann das durchaus passieren. Der Südkoreaner Ryu Seung Min hatte 2004 im Finale in Athen Wang Hao geschlagen und China damit eine Schmach zugefügt. Das soll nicht mehr passieren.

Damit schafft sich China allerdings ein vielleicht noch größeres Problem: China gewinnt und es interessiert niemanden mehr. Die spärlich gefüllte Halle in Guangzhou ist ein erstes Zeichen dafür. „Die Zuschauer sind übersättigt“, sagt Roßkopf, der bei der WM 1995 in Tianjin ausschließlich vor vollen Rängen gespielt hatte. Der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Bundes Dirk Schimmelpfennig erklärt: „Diese asiatische Dominanz ist ein Problem im Welttischtennis. In der Vergangenheit haben oft die Duelle Europa gegen Asien die Attraktivität unserer Sportart ausgemacht. Leider sind die Europäer bei dieser WM wieder ohne Medaille geblieben.“ In Peking wird voraussichtlich alles nach Plan laufen: Insgesamt viermal Gold ist zu vergeben. Danach könnte das Tischtennis an Chinas Dominanz scheitern. Was für ein seltsames Problem.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben