Tischtennis : Auftrag erfüllt

Lange Jahre war Jörg Roßkopf Inbegriff und Aufbauhelfer des deutschen Tischtennis. Nun beendet er seine internationale Karriere.

Friedhard Teuffel
Tischtennis
Traditionskleidung. Jörg Roßkopf hat sich in mehr als 20 Jahren ans Nationaltrikot gewöhnt. -Foto: dpa

Berlin - Eine Viertelstunde dauerte das Gespräch – dann war eine Ära zu Ende. Bundestrainer Richard Prause und Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig erklärten Jörg Roßkopf mit freundlichen Worten, dass sie einen jüngeren Tischtennisspieler zur Mannschafts-Weltmeisterschaft im Februar nach Guangzhou in China mitnehmen. Oder andersherum: Dass sie Jörg Roßkopf nicht mitnehmen. „Wir wollten ihm ein Signal geben“, sagt Prause. Und das Signal heißt: deine internationale Karriere ist beendet.

Für einen 38-Jährigen, der schon 267 Länderspiele gemacht hat, Welt- und Europameister geworden ist, mag das eine nachvollziehbare Entscheidung sein. „Wenn der Junge sich weiterentwickelt, bin ich der letzte, der darauf besteht zu spielen“, sagt Roßkopf, „ich setze mich auch nicht mehr als fünfter Mann auf die Bank, und schaue den anderen beim Klatschen zu.“ Dennoch war es ein merkwürdiger Moment, nach mehr als zwanzig Jahren Nationalmannschaft nicht mehr gebraucht zu werden. „Dem Richard ist dieses Gespräch wohl noch schwerer gefallen als mir“, sagt Roßkopf.

Bundestrainer Richard Prause ist schließlich nur ein Jahr älter als Roßkopf, er hat viele Jahre gemeinsam mit ihm in der Nationalmannschaft gespielt und erlebt, wie Roßkopf Tischtennis in Deutschland geprägt hat. „Jörg Roßkopf ist ein Denkmal, den darf man nicht einfach so vom Sockel stoßen“, sagt Prause. In der beschaulichen Welt des kleinen weißen Balles hat Roßkopf einen besonderen Titel bekommen, „Mister Tischtennis“ kündigen ihn die Hallensprecher gerne an. Weil Roßkopf ganz Deutschland gezeigt hat, dass Tischtennis nicht nur auf Steinplatten im Schulhof und im Schwimmbad gespielt wird.

Das fing 1989 an, als Roßkopf in der Dortmunder Westfalenhalle gemeinsam mit Steffen Fetzner Weltmeister im Doppel wurde. Und das in einer Zeit, in der sich eigentlich Schweden und Chinesen die Titel unter sich aufteilten. Drei Jahre später gewann Roßkopf dann auch seinen ersten großen Titel im Einzel, die Europameisterschaft in Stuttgart. Es folgte Olympiasilber im Doppel und Olympiabronze im Einzel. Und selbst in diesem Jahr konnte er sich noch einen Traum erfüllen: den ersten EM-Titel für Deutschland mit der Mannschaft nach unzähligen vergeblichen Anläufen.

Aber ein Wunsch bleibt nun offen: Die deutsche Fahne zu tragen bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking. „So etwas ragt über alles Sportliche hinaus“, sagt Roßkopf. Schon vor drei Jahren hätte er erfahren, dass es nur zwei Kandidaten gebe: Springreiter Ludger Beerbaum und ihn. Schließlich durfte Beerbaum die deutsche Mannschaft ins Olympiastadion von Athen führen. Für Peking wäre Roßkopf wohl der einzige Kandidat gewesen, bei seinen sechsten Olympischen Spielen, und das auch noch im Tischtennisland China. Doch Roßkopf schafft die Qualifikation nicht mehr, es sind zu viele vor ihm.

In den vergangenen Jahren musste Roßkopf ohnehin erleben, dass sein sportliches Aufbauwerk noch übertroffen wurde. Timo Boll, wie Roßkopf aus Südhessen und lange Mannschaftskollege von ihm, erreichte als erster Deutscher die Spitzenposition der Weltrangliste und gilt als Angstgegner der Chinesen, wie es Roßkopf nie einer war. All das nahm Roßkopf wohlwollend zur Kenntnis und verbittert war er nur in einmal – als 2004 im Finale der Mannschafts-WM auf einmal Christian Süß die Chinesen herausfordern durfte und er nur auf der Bank saß: „Da hat man mich aufs Glatteis geführt, das wird immer ein Problem für mich bleiben.“

Eineinhalb Jahre Bundesliga beim TTC Jülich, das hat er sich noch vorgenommen. Er könnte auch noch einen offiziellen Abschied aus der Nationalmannschaft bekommen, im Februar beim Ranglistenturnier der besten zwölf europäischen Spieler in Frankfurt am Main, Roßkopf wohnt nicht weit davon entfernt. So hat man es ihm angeboten. Aber gut möglich, dass er das ablehnt. „Ich brauche keine Bühne, ich brauche keine Reden, ich bin der Letzte, der sowas braucht“, sagt er.

Allenfalls in einem großen Moment hätte sich Roßkopf offiziell zurückgezogen, doch der Mannschaftstitel bei der letzten EM erschien ihm zu früh, und Olympia kommt nun zu spät. Aus dem Tischtennis muss er sich sowieso nicht verabschieden. „Der Deutsche Tischtennis-Bund würde mich gerne als Bundestrainer haben, der hessische Verband hat mir angeboten, mit jungen Spielern zu arbeiten“, sagt Roßkopf. So gesehen war das Gespräch mit Bundestrainer und Sportdirektor nur ein kleiner Einschnitt in einem Tischtennisleben.

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