Tischtennis : Der Beste vom Rest

Timo Boll überzeugt bei den German Open als weltstärkster Tischtennisspieler – außerhalb Chinas.

Sebastian Krass[Bremen]

Natürlich kam diese Frage. Und es schien, als habe Timo Boll sie sich selbst auch schon gestellt in den vergangenen Tagen – und als sei er zu einer eindeutigen Antwort gekommen. Ob er im Moment in der Form seines Lebens spiele, wollte ein Reporter wissen. Boll trug ein tiefenentspanntes Lächeln im Gesicht und sprach: „Ich denke, dass ich noch nie besser war.“ Ein paar Momente zuvor hatte er im Finale der German Open im Tischtennis seinen ärgsten europäischen Widersacher Wladimir Samsonow mit 4:0 Sätzen virtuos auseinandergeschraubt. Es war der vierte Sieg des Weltranglistenvierten bei den German Open, der allerdings dadurch relativiert wird, dass die gesamte A-Nationalmannschaft Chinas das Turnier ausließ.

Und es war aus Sicht des gastgebenden Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) längst nicht das einzige erfreuliche Ergebnis an diesem Wochenende in Bremen. Außer Boll hatte auch Christian Süß das Halbfinale im Einzel erreicht, in dem er allerdings beim 0:4 gegen Samsonow chancenlos war. Zudem erreichten Boll und Süß das Endspiel im Doppel, in dem sie auf Jun Mizutani und Seiya Kishikwawa (beide Japan) trafen (Partie nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe beendet). Und auch im Frauen-Wettbewerb war der DTTB am Schlusstag noch dabei, weil Elke Schall und Wu Jiaduo sich ebenfalls im Doppel-Finale versuchen durften, allerdings für nur recht kurze Zeit. Sie unterlagen den Chinesinnen Li Xiaodan und Mu Zi 0:4. „Dass wir in drei von vier Endspielen vertreten waren, zeigt, dass wir auf einem guten Weg für die EM in Stuttgart sind“, sagte DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. Doch diese EM findet erst im September statt.

Vorher, in fünf Wochen schon, steht die Einzel-WM in Yokohama an. Und dort wird sich die Aufmerksamkeit wieder auf Boll fokussieren – und das nicht nur, weil er der einzige Europäer ist, der den besten Chinesen ernsthaft gefährlich werden kann. Es wird auch wieder dieses Thema aufkommen, dass ihn seit langem verfolgt: Wann wird Boll endlich seine erste Einzelmedaille bei einem großen globalen Turnier gewinnen? Das europäische Tischtennis dominiert der 28-Jährige lang genug, zuletzt gewann er zwei EM-Titel in Serie. Nach inzwischen zehn Jahren in der Weltspitze wäre die WM-Einzelmedaille ein wichtiger neuer Impuls für Bolls Karriere.

Und so, wie es im Moment aussieht, sind seine Aussichten gut, auf jeden Fall viel besser als vor den Olympischen Spielen in Peking. Die bestritt er nämlich, als er noch mitten in einem langwierigen Erholungsprozess steckte. In der vergangenen Saison musste Boll monatelang wegen Knieproblemen pausieren. „Als ich dann wieder angefangen habe, musste ich mich erstmal um die Grundschläge kümmern, ich musste wieder ein anständiger Tischtennisspieler werden.“ Damals, im Sommer, sprach Boll nach ein paar derben Pleiten selbst von dem gewaltigen Rückstand, den er auf die drei, vier besten Chinesen hatte. Er klang ein wenig resignierend. Heute sagt er: „Ich wundere mich selbst, dass es so schnell ging, wieder den Anschluss zu finden.“

Mitte Februar bei den Katar Open besiegte Boll im Finale Olympiasieger Ma Lin, dem er zuvor viermal unterlegen war. Eine Woche zuvor hatte er nur knapp gegen den Weltranglistenersten Wang Hao verloren. „Diese Spiele bringen mich am meisten weiter“, sagt Boll. Er ist grundsätzlich ein Sportler, der seine Form am besten über Wettkämpfe aufbauen kann. Deshalb hat er seit Olympia so viele Spiele wie möglich gemacht und im Zweifel die eine oder andere Übungseinheit gestrichen. „Er hat kleinere Trainingsblöcke als die anderen Nationalspieler“, erklärt DTTB-Sportdirektor Schimmelpfennig.

Auch wenn Boll seinen Weg gefunden zu haben scheint, spart er sich Kampfansagen für die WM, allerdings nicht unbedingt aus Bescheidenheit. „Vor solchen Veranstaltungen bin ich selbst immer der größte Skeptiker.“ Es ist nicht nur ein Wesensmerkmal Bolls, die Vorsicht speist sich auch aus den Erfahrungen der Vergangenheit, der WM 2007 zum Beispiel. Damals sprach auch vieles dafür, dass Boll zumindest das Halbfinale erreicht. Doch dann schaffte er es nicht einmal bis zu den Spielen gegen die großen Chinesen. Er verlor im Viertelfinale gegen Ryu Seung-Min, einen Südkoreaner.

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