Tischtennis-EM : Gold für Ovtcharov, Silber für Shan

Deutschlands Tischtennisspieler räumen bei der Europameisterschaft in Schwechat ab und fürchten nur Asien. Dabei fehlte mit Timo Boll sogar noch der normalerweise Beste aus dem Team.

Susanne Heuing
Cool gewinnt. Dimitrij Ovtcharov ist nach Jörg Roßkopf und Timo Boll der dritte deutsche Einzel-Europameister im Tischtennis. Foto: dpa
Cool gewinnt. Dimitrij Ovtcharov ist nach Jörg Roßkopf und Timo Boll der dritte deutsche Einzel-Europameister im Tischtennis.Foto: dpa

„Wir sind so stark und die anderen so schwach.“ Wer Jörg Roßkopf nicht kennt, könnte den deutschen Herren-Bundestrainer für arrogant halten. Wer sich aber die Ergebnisse der gestern zu Ende gegangenen Europameisterschaften in Schwechat bei Wien genauer anschaut, wird schnell erkennen: Roßkopf hat Recht. Im Teamwettbewerb verloren die deutschen Herren auf dem Weg zum sechsten Titel in Folge nur ein einziges Einzelmatch – und das, obwohl sie ohne den erkrankten Rekordeuropameister Timo Boll und ohne den Langzeitverletzten Christian Süß angetreten waren. Auch im Einzel wurden Roßkopfs Spieler ihrem Ruf als „Chinesen Europas“ gerecht: Dimitrij Ovtcharov trat durch einen 4:0-Endspiel-Erfolg über den Weißrussen Wladimir Samsonow die Nachfolge von Boll an und gewann erstmals den EM-Titel im Einzel. Bastian Steger, der im Viertelfinale das deutsche Duell mit Ruwen Filus für sich entschieden hatte, holte Bronze. Weder Steger noch Filus waren im Teamwettbewerb zum Einsatz gekommen – das allein zeigt, wie breit das deutsche Team aufgestellt ist.

Daran, dass es mit insgesamt acht Medaillen die erfolgreichsten Europameisterschaften in der Geschichte des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) wurden, hatten allerdings auch die Damen maßgeblichen Anteil. Nach dem Mannschaftstitel dominierten die Spielerinnen von Bundestrainerin Jie Schöpp auch die Einzel-Konkurrenzen. Die gebürtigen Chinesinnen Shan Xiaona (TTC Berlin-Eastside) und Han Ying gewannen Silber und Bronze im Einzel, das rein deutsche Doppel-Finale gewann das junge Duo Sabine Winter/Petrissa Solja gegen Shan Xiaona/Zhenqi Barthel. „Das ist ein Ausnahmeergebnis. Aus unserer Sicht war das eine überragende EM“, bilanzierte DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig.

Von der erdrückenden Überlegenheit zeigte sich auch die Konkurrenz beeindruckt. „Die deutschen Herren sind zu gut für Europa, so wie die Chinesen zu gut für den Rest der Welt sind. Das ist schon ein bisschen langweilig“, sagt der Slowene Bojan Tokic, der in der Bundesliga gemeinsam mit Steger für den 1. FC Saarbrücken aufschlägt. Das liege nicht nur an der Ausnahme-Generation mit Boll, Ovtcharov und Co., sondern auch an den guten Strukturen. „Sie investieren sehr viel, mit dem Tischtennis-Zentrum und dem Internat in Düsseldorf haben die Deutschen perfekte Bedingungen, das haben andere nicht“, sagt Tokic.

Der schwedische Herren-Trainer Ulf Carlsson, der in den Achtzigerjahren mit den Schweden Europa so dominierte, wie es nun die Deutschen tun, fordert: „Alle anderen müssen besser arbeiten. Wichtig ist, dass die anderen Nationen weiter versuchen, Deutschland zu erreichen und sie vom Thron zu stoßen.“ Für den deutschen Bundestrainer Jörg Roßkopf ist das genau die falsche Herangehensweise. Er hatte schon vor diesen Titelkämpfen moniert: „Für alle anderen Nationen ist die EM der Jahreshöhepunkt, für uns ist es die WM. Wir versuchen als einzige Nation in Europa, die Asiaten anzugreifen, das sollten sich alle zum Ziel setzen.“

Schimmelpfennig sieht das ähnlich. „Asien ist für uns der Maßstab, das ist auch der Grund, warum wir hier diese Leistung gezeigt haben.“ DTTB-Präsident Thomas Weikert macht für die große Lücke, die zwischen Deutschland und dem Rest von Europa klafft, auch den Europäischen Tischtennis-Verband (ETTU) und dessen kürzlich zurückgetretenen Präsident Stefano Bosi verantwortlich. Von der neuen ETTU-Führung um den in Schwechat neu ins Amt gewählten Präsidenten Ronald Kramer (Niederlande) erhoffe er sich, „dass sie sich stärker auf die sportlichen Aufgaben konzentriert“. Viele Verbände hätten in den vergangenen Jahren geschlafen.

Die Deutschen aber sind durchaus gewillt, ihre Konkurrenz aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Im Rahmen der German Open Mitte November in Berlin werde es ein Gespräch mit allen europäischen Trainern geben, kündigte Heike Ahlert an, die in Schwechat ins ETTU-Präsidium gewählt wurde. Trotz Nachhilfe aber wird sich zumindest bei den Herren an der Vorherrschaft des DTTB-Teams wohl so schnell nichts ändern. „Sie haben eine sehr ausgeglichene und auch noch relativ junge Mannschaft“, sagt Bojan Tokic. „Deutschland kann den Titel auch in den nächsten fünf, sechs Jahren ähnlich souverän gewinnen.“

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