Tischtennis-WM : Der mit der Hand tanzt

Dimitrij Ovtcharov kann bei der Mannschafts-WM in Dortmund für die Zeit als die neue deutsche Nummer eins üben. Besonders der Umgang mit dem Druck der Verantwortung für die Mannschaft stellt eine Herausforderung für den 23-Jährigen da.

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Meditation mit Ball. Der Aufschlag ist ein Markenzeichen in Ovtcharovs Spiel.
Meditation mit Ball. Der Aufschlag ist ein Markenzeichen in Ovtcharovs Spiel.Foto: dapd

Berlin - Wie sich Zukunft anfühlt, kann Dimitrij Ovtcharov in diesen Tagen erfahren. Bei der Mannschafts-WM in Dortmund muss er für einige Spiele in die Rolle schlüpfen, die er in einigen Jahren ausfüllen soll: die Nummer eins des deutschen Tischtennis. Timo Boll soll nach seinen Verletzungen nicht alle Gruppenspiele auf Position eins bestreiten, dann rückt Ovtcharov nach vorne, und in einigen Jahren kann der 23-Jährige den acht Jahre älteren Boll ohnehin an der Spitze ablösen.

In eine Rangliste hat es Ovtcharov immerhin als einziger Tischtennisspieler geschafft. Das amerikanische Magazin „Time“ nahm vor einigen Jahren seinen Rückhandaufschlag in die Liste der 50 besten Erfindungen auf. Weil er so verwirrend sei, erst gehe Ovtcharov tief in die Hocke, dann führe er mit seiner Hand einen Tanz auf, und am Ende sei der Gegner manchmal zu verdutzt, um zurückzuschlagen. Ovtcharov sagt : „Ich musste darüber ein bisschen schmunzeln, ich mache doch meine Aufschläge schon lange so.“

Auf jeden Fall hat Ovtcharovs Spiel Markenzeichen, eins davon ist eben der Aufschlag, ein anderes sein Kampfgeist. Ovtcharov wird gerne laut am Tisch, um sich selbst anzustacheln. Das unterscheidet ihn von Timo Boll, und nach einem Spiel findet Ovtcharov auch nicht so schnell aus seinem Konzentrationstunnel heraus, vor allem nicht nach Niederlagen. „Ich respektiere immer, wenn der Gegner besser ist. Aber wenn ich ein Spiel unnötig verliere, ärgert mich das extrem.“

Er sagt von sich, dass er gelassener geworden sei, denn er hat schon eine kritische Phase durchstehen müssen. Erzwungen durch einen Dopingverdacht, als ihm wohl eine Fleischmahlzeit in China eine positive Dopingprobe mit dem Mastmittel Clenbuterol bescherte. Er wurde freigesprochen. „Damals habe ich erkannt, dass es Wichtigeres gibt als Tischtennis.“

Die Anspannung bei dieser WM im eigenen Land ist dennoch groß. Um damit klarzukommen, hat er sich abgelenkt, „Musik gehört, Filme geguckt“. Der Druck der Verantwortung ist jedoch nicht neu. In seinem russischen Verein Orenburg hat er den Prozess schon hinter sich, der irgendwann auch in der Nationalmannschaft ansteht. „Da war Wladimir Samsonow die Nummer eins, jetzt bin ich es“, sagt Ovtcharov, der im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern aus Kiew nach Hameln zog, „und in der Nationalmannschaft bin ich schon jetzt fast so wichtig wie Timo“.

Ovtcharov, Zehnter der Weltrangliste, hat in diesem Jahr das europäische Ranglistenturnier Top 12 gewonnen, „ziemlich klar“, sagt er, weil er sich mental und körperlich verbessert habe. Aber noch bedeutender ist ein einzelner Sieg, den er im vergangenen November erreicht hat. Beim World Team Cup in Magdeburg besiegte er den Chinesen Wang Hao, Einzelweltmeister 2009, Vizeweltmeister 2011. „Der verliert normalerweise gegen niemand außerhalb Chinas“, sagt Ovtcharov. „Der Sieg hat mir viel Selbstvertrauen gegeben.“ Und er hat die Hoffnung gestärkt, die Chinesen auch einmal als Mannschaft besiegen zu können. Bei Teamweltmeisterschaften kam gegen China bisher, wenn überhaupt, dann nur ein Punkt von Boll. Mit Ovtcharov muss das nicht so bleiben.

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