Sport : Titel verteidigt: Sven Ottke bleibt Weltmeister

Hartmut Scherzer

Nach zwölf spannenden Runden machte Sven Ottke den Boxring zur Rednerbühne. Die 8000 Zuschauer in der ausverkauften Magdeburger Bördelandhalle tobten vor Begeisterung, als der Held des Abends, noch außer Atem, zum Mikrofon griff. "Zweimal war es ein bisschen kritisch. Zweimal ist eingetreten, was ich erhofft hatte: Ihr wart da und habt mir zum Sieg verholfen." Der Bundeskanzler auf Ostreise hätte neidisch werden können, wie der Boxchampion aus dem Westen die Herzen der Ostdeutschen erst mit seinen flinken Fäusten und dann mit seinen herzlichen Worten eroberte. "Ihr wart da" - der Satz prägt fortan Ottkes Karriere wie seine Titel. Der schwerste Kampf war auch sein bester: Wie schon vor zwei Jahren in Düsseldorf besiegte Sven Ottke den Amerikaner Charles Brewer nach Punkten und behielt die Weltmeisrterschaft im Supermittelgewicht nach Version des Verbandes IBF gegen seinen Vorgänger.

Es war seine siebte erfolgreiche Titelverteidigung im 20. Profikampf. "Die Sache war diesmal klarer", sagte Ottke zufrieden. Das Urteil war allerdings wieder eine so genannte "split decision", eine geteilte Entscheidung, weil der US-amerikanische Punktrichter Shaffer Rasheed mit seiner 116:113-Wertung für Brewer gegenüber seinen Kollegen Artur Ellensohn (116:112) und Manuel Maritxalar (Spanien/116:111) völlig aus der Rolle fiel. Aber Ottke beherrschte den ungestümen Haudrauf aus Philadelphia und bestimmte den mit hohem Tempo, aber diesmal oft unsauber geführten Kampf weitaus souveräner als vor 23 Monaten. "Zu wissen, er ist Weltmeister und muss nicht darum kämpfen, es zu werden, war ganz entscheidend für Svens sicheres Auftreten", urteilte Henry Maske. "Ottke hat sich in den letzten zwei Jahren Erfahrung erarbeitet und ist viel routinierter geworden."

Mit seiner Schlag-und-Flitz-Taktik brachte der konditionsstarke 33-jährige Spandauer den aggressiven Amerikaner schier zur Verzweiflung. So entschlossen Brewer auch attackierte, nach vorn marschierte und draufschlug - er bekam den schnellen, wachsamen Champion nicht zu fassen und konnte dessen Defensivstil nicht zerstören. Und wenn Ottke dann blitz- und überfallartig seine Gegen- und Überraschungsangriffe, eine wirbelnde Serie von drei Schlägen, startete, wusste Brewer nicht, wie er sich wehren sollte. Keine Deckung, keine Meidbewegung, kein Konter. Völlig hilflos. Der Ex-Champion steckte das Dreierpack jedesmal ein, und hätte Ottke so viel Schlagkraft in seinen Fäusten wie Schnelligkeit, Brewer hätte Bodenbekanntschaft gemacht.

Als der Amerikaner dennoch in der achten Runde auf dem Rücken lag und das Publikum frenetisch "Zugabe" forderte, hatte ihn Ottke lediglich zu Boden geschleudert. Kein Niederschlag. Der Herausforderer blutete aus beiden Augenbrauen und machte Kopfstöße des Deutschen dafür verantwortlich. Aus purem Frust knallte Brewer in der zehnten Runde nach dem Trennkommenado seines Landsmannes Brian Garry noch einen linken Haken an Ottkes Kopf, was ihm eine Verwarnung und einen Punktabzug des Ringrichters einbrachte. "Er schlägt, rennt weg und hält fest", klagte Brewer über Ottkes "hit-and-ran-and-grab"- Stil. "Sven ist ein Profi, der wie ein Amateur kämpft." Ottkes verbaler Konter: "Die Amerikaner wollen nur fighten. Und wenn dann einer boxt, finden sie das nicht so witzig." Zumal wenn einer obendrein "derart ausgebufft ist", wie es sein Trainer Ulli Wegner "nicht mehr für möglich gehalten hätte".

Als nächstes wird Sven Ottke nun in einem Vereinigungskampf gegen den neuen WBC-Weltmeister Dingan Thobela (Südafrika) kämpfen, so die Ankündigung von Promoter Wilfried Sauerland. Der Südafrikaner hatte am Vorabend in Johannesburg überraschend den Bezwinger von Markus Beyer, den Engländer Glenn Catley, in der zwölften Runde k. o. geschlagen. Der Kampf zum Jahresende wird zur Premiere bei der ARD, denn Ottkes mitreißender Kampf war nach acht Jahren die letzte Sauerland-Veranstaltung bei RTL. Der zum 30. September auslaufende Vertrag wird, so die Mitteilung von beiden Seiten, nicht mehr verlängert. Für den Privatsender war und ist Ottke eben kein Maske. Im Osten haben die Leute eine andere Meinung.

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