Titelchancen : Stuttgart schweigt sich nach oben

Der VfB Stuttgart siegt und siegt – und weicht störenden Fragen nach dem Saisonziel einfach aus.

Oliver Trust[Stuttgart]
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In aller Ruhe genießen. Gomez, Cacau.Foto: dpa

Was Teamchef Markus Babbel als reinen Zufall bezeichnet hatte, entpuppte sich als elegante Lösung eines möglichen Problems. Womöglich hätte man beim VfB Stuttgart nämlich den Sicherheitsdienst zum Training rufen müssen und Zäune aufstellen. Ein paar hundert Fans wären gekommen, mancher hätte die Meisterschale in die Höhe gehalten wie beim 2:0 über Eintracht Frankfurt. Es wären Fernsehteams herbeigeeilt, um nach dem Sprung auf Platz vier womöglich neue Saisonziele zu hören. Tatsächlich aber war am Sonntag kein Mensch am Klubzentrum des VfB. Babbel hatte seiner Mannschaft zwei freie Tage spendiert, was „rein gar nichts mit dem Sieg“ zu tun hatte, wie er versicherte. Zufall oder nicht? Abtauchen statt zu reden, den Schwaben erschien das der passende Weg, um störende Fragen zu umgehen.

Es wäre ohnehin fraglich gewesen, ob ein geregelter Trainingsbetrieb möglich gewesen wäre. Die Nacht zum Sonntag war lang. Ludovic Magnin hatte in ein Restaurant in der Innenstadt geladen, um seinen 30. Geburtstag nachzufeiern. Zur fröhlichen Runde gesellte sich später am Abend auch Babbel. Ein paar Huldigungen für den Außenverteidiger waren angebracht. Der Mann spielte gegen die Eintracht so bemerkenswert stark wie im Meisterjahr 2007. Magnin war als Flanken- und Passgeber Ursprung beider Stuttgarter Tore durch Cacau und Mario Gomez, der bereits seinen 19. Saisontreffer erzielte. Es war ein unspektakulärer Sieg, der genau ins derzeitige Verhaltensmuster des VfB passte. „So lange wir noch nach hinten abrutschen können, werden wir unsere Strategie nicht ändern“, befand Manager Horst Heldt. Andere ignorierten schlicht die Ergebnisse der unter dem Erwartungsdruck schwächelnden Konkurrenz. In Stuttgart leistet man sich in aller Stille den genussvollen Blick auf die Ereignisse. „Ach, die Bayern haben auch verloren“, gaukelte Torwart Jens Lehmann Ahnungslosigkeit vor. Babbel selbst referierte lieber über die als hartnäckige Verfolger empfundenen Schalker und Dortmunder, „die nur fünf Punkte von uns entfernt sind“. Und Gomez sagte: „Wir sind nicht in der Lage, Ansprüche zu stellen, dazu haben wir zu viel in der Vorrunde verschenkt.“ Die Zeit der Schenkungen aber ist schon lange vorbei. Neun Siege haben die Stuttgarter in der Rückrunde errungen, die letzten fünf sogar hintereinander. Heimlich entwickelt sich der VfB zum Anwärter auf … Ja worauf eigentlich? Einen Platz in der Champions League? Gar auf den Titel?

Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Stuttgarter angeblich nicht. Überhaupt vermeiden sie alles, was ihnen als großspurig ausgelegt werden könnte. Babbel verweigerte nach dem Spiel den Besuch in der Fankurve, obwohl der Anhang nach ihm rief. Er werde dort auftauchen, „wenn es etwas zu präsentieren“ gebe, sagte der Erfolgstrainer des VfB. „Wir haben es nicht selbst in der Hand, deshalb schauen wir nach hinten.“

Für Manager Horst Heldt gibt es noch einen Grund, kühne Prognosen zu vermeiden. Er muss in der schon laufenden Vorbereitung auf die neue Saison in alle Richtungen planen und dabei namhafte Personalentscheidungen abwickeln. Verlässt Gomez den Klub, womit immer noch gerechnet wird, muss Ersatz her. Mit dem Schalker Kevin Kuranyi steht ein alter Bekannter auf der Liste, das gilt auch für Alexander Hleb, der beim FC Barcelona keine befriedigenden Einsatzzeiten bekommt. Beide sind in Stuttgart noch tief verwurzelt. Der Hleb-Deal aber wäre nur mit der Qualifikation für die Champions League als sportlichem Lockmittel machbar, während Kuranyis Rückkauf mit den Millionen aus einem Gomez-Transfer gestemmt werden könnte.

Bis zur Klärung dieser Angelegenheiten setzen die Stuttgarter auf den neuen alten Teamgeist. Einige Spieler hätten den Wert einer Mannschaft wieder entdeckt und eingesehen, Erfolg sei nur als Gruppe möglich, sagte Sami Khedira zu den Gründen des Höhenflugs. „Wir sind wieder eine große Familie.“ Die solle nun nicht verrückt spielen, wünschte sich Horst Heldt. „Wir lassen uns nicht beirren und behalten die Nerven.“ Bisher jedenfalls machen sie das sehr gut.

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