Sport : Tödliche Heimat

Die Williams-Schwestern werden von ihrer Vergangenheit eingeholt

Benedikt Voigt

Berlin. Vor einem Jahr beichteten Venus und Serena Williams ihrer älteren Halbschwester ein kleines Geheimnis. Yetunde trat mit ihren berühmten Tennisschwestern in der „Oprah Winfrey Show“ auf, als das Gespräch auf die Vergangenheit kam. Auf jene Zeit, in der die siebenköpfige Familie in Compton, Kalifornien, lebte. Die Stimmung in der Talkshow war ausgelassen, weshalb sich die beiden Jüngeren dazu hinreißen ließen zu erzählen, dass sie stets gehasst hätten, was ihre ältere Schwester kochte. „Ihr habt mein Essen gehasst?“, fragte Yetunde erstaunt, „das ist nicht das, was ihr mir die ganzen Jahre erzählt habt.“ Sie hätten eben ihre Gefühle nicht verletzten wollen, sagten Serena und Venus Williams. Und lachten.

Vor einer Woche trat erneut die Vergangenheit in das Leben der Williams-Familie. Allerdings nicht mit ihrer leichten, fröhlichen Seite wie in jener Fernsehshow. Die Vergangenheit kehrte zurück als dunkle, zerstörerische Kraft. Sie zwang die beiden Tennisprofis, die zu den besten der Welt zählen, sich wieder in die Nähe jenes berüchtigten Ortes zu begeben, an dem sie aufgewachsen sind: Compton. Venus Williams flog sofort von New York nach Los Angeles, Serena stoppte ihre Arbeit für eine Fernsehshow in Toronto und reiste nach Kalifornien. Dort trafen sie auf ihre Halbschwestern Isha und Lyndrea sowie ihre geschiedenen Eltern Richard Williams und Oracene Price. Nur Yetunde fehlte.

Am vergangenen Sonntag ist die 31-jährige Yetunde Price, die nach der Scheidung ihrer Eltern den Mädchennamen der Mutter angenommen hat, auf dem Beifahrersitz eines Sportwagens erschossen worden. In Compton. Die Umstände ihres Todes sind mysteriös. Nach der Schießerei fuhr ihr 28-jähriger Begleiter die am Kopf schwer verletzte Williams-Schwester ins benachbarte Long Beach und rief die Polizei. Diese verhaftete das 24-jährige Gangmitglied Aaron Michael Hammer wegen Mordes. Der Polizei zufolge soll es vor einem Haus in Compton einen Streit gegeben haben zwischen den beiden Insassen des Sportwagens und bis zu fünf Personen. „Bis jetzt wissen wir noch nicht, ob es sich hier um ein Gang- oder um ein Rauschgiftdelikt handelt“, sagte Polizeioffizier Daniel Rosenberg der Nachrichtenagentur AP. „Ich kann aber sagen, dass es gewisse Anzeichen gibt, dass dieser Ort entweder mit Gangs oder mit Drogen etwas zu tun hat – das Haus war berüchtigt.“ Yetunde wohnte in Corona, 64 Kilometer vor Compton. Was suchte sie in ihrer gefährlichen Heimat?

Einen Hinweis könnte ihr Begleiter Rolland Wormley geben. Dieser sitzt ebenfalls in Haft, weil ihn die Polizei verdächtigt, gegen seine Bewährung verstoßen zu haben. Die Polizei führt ihn als Gangmitglied, er besitzt ein langes Vorstrafenregister und war gerade mal wieder aus dem Gefängnis draußen. Doch Wormleys Halbschwester Roni Miller erzählt der „Los Angeles Times“ eine andere Version. „Es gab keinen Streit“, sagt Miller, „sie fuhren im Auto, hatten die Musik an, und das nächste, was sie hörten, waren Schüsse.“ Mehr Informationen könnte die Gerichtsverhandlung gegen den mordverdächtigen Aaron Michael Hammer bringen, die für kommenden Dienstag angesetzt ist.

Es ist nie ganz klar geworden, warum Richard Williams nach Compton zog. Vor der Tenniskarriere seiner beiden jüngsten Töchter gehörte er bereits zur schwarzen Mittelschicht. Der exzentrische Richard Williams erzählt, dass er absichtlich dorthin zog, um seiner Familie zu zeigen, wie hart und schwierig das Leben sei. So kam es, dass Venus und Serena unter der Anleitung ihres Vaters die ersten Bälle auf Comptons öffentlichen Tennisplätzen schlugen. Zwischen Gangs und Waffen und Drogen. Erst als sich die ersten Erfolge einstellten, zog die Familie nach Florida.

Ihre Heimatstadt rangiert als Nummer zwölf auf der Liste der ärmsten Vorstädte der USA. Die Stadt südwestlich von Los Angeles ist berüchtigt für Gangs wie die Crips oder die Bloods. Einen Nachbar des Hauses, wo Yetunde Price erschossen wurde, weckten die Schüsse auf. Er ging aber nicht auf die Straße. „Ich höre jede Woche Pistolenfeuer, das ist normal“, sagte Rodolfo Polido der Nachrichtenagentur AP. In den Neunzigerjahren erlangte Compton internationale Bekanntheit als Zentrum des Gangster-Rap. Die Musiker setzten bewusst auf das Gangster-Image ihrer Stadt.

Selbst Comptons berühmtester Familie ist es nicht gelungen, der tödlichen Stadt zu entkommen. Als Ort einer Tragödie kehrt sie in das Leben der Williams-Familie zurück. „Unser Kummer ist überwältigend“, schreiben Venus und Serena Williams in einer Stellungnahme. „Dies ist der traurigste Tag in unserem Leben.“

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