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Tödlicher Unfall : Italienischer Motorradfahrer Simoncelli gestorben

Der italienische Motorrad-Rennfahrer Marco Simoncelli ist tot. Nach einem schweren Sturz erlag der 24-Jährige am Sonntag noch an der Rennstrecke seinen schweren Verletzungen.

Schock und Trauer bei den Teamkollegen des verunglückten Motorrad-Rennfahrers Marco Simoncelli.
Schock und Trauer bei den Teamkollegen des verunglückten Motorrad-Rennfahrers Marco Simoncelli.Foto: dpa

Die Glocken der Presbyterianische Kirche in St. Petersburg im US-Bundesstaat Florida waren gerade verklungen, als als der Motorsport vom nächsten Trauerfall heimgesucht wurde. Am Samstag war der britische Indycar-Pilot Dan Wheldon eine Woche nach seinem Unfalltod beigesetzt worden. Nur wenige Stunden nach dem öffentlichen Abschied von Wheldon starb der italienische Motorradfahrer Marco Simoncelli beim WM-Lauf in Malaysia. „Das ist sehr traurig und tragisch, da fehlen einem die Worte“, sagte der deutsche Motorrad-Pilot Stefan Bradl, „er war ein lustiger und netter Typ.“
Dabei hatte es ein Feiertag in Sepang werden sollen, vor allem für Bradl. Der Zahlinger wollte in der Moto2-Klasse den ersten WM-Titel eines deutschen Piloten seit Dirk Raudies 1993 einfahren. Bradl schaffte es nicht ganz, obwohl sein großer WM-Rivale Marc Marquez aus Spanien nach seinem Trainigsunfall Startverbot bekam. Der Deutsche hätte gewinnen müssen, lag aber hinter dem Schweizer Tom Lüthi nur auf Rang zwei, als das Rennen eine Runde vor Schluss wegen des schweren Unfalls von Alex Pons aus Spanien abgebrochen wurde. Bradl ärgerte sich über den verpassten vorzeitigen Titelgewinn im vorletzten Saisonlauf, doch eine Stunde später interessierte ihn sein eigenes Rennen „absolut gar nicht“ mehr.
Bradls Frust verblasste jäh angesichts der Ereignisse, die sich im anschließenden Rennen der MotoGP-Klasse zutrugen. Am Ende der zweiten Runde verlor Marco Simoncelli die Kontrolle über seine Maschine und schlug dabei mit dem Kopf auf dem Asphalt auf. Der 250-ccm-Weltmeister von 2008 verlor zu diesem Zeitpunkt offenbar schon seinen Helm und schlidderte samt seinem Motorrad quer über die Strecke. Der nachfolgende Alvaro Bautista konnte noch ausweichen, doch Colin Edwards und Simoncellis Freund und Mentor Valentino Rossi trafen ihn mit voller Wucht. Das Rennen wurde danach abgebrochen und nicht mehr neu gestartet.
Der Unfall erinnerte fast alle Augenzeugen sofort an den tödlichen Crash des Japaners Shoya Tomizawa, der vor einem Jahr in Misano ebenfalls regelrecht überrollt worden war. Eine schmerzhafte Stille senkte sich sofort über die Strecke vor den Toren Kuala Lumpurs. Die Piloten verkrochen sich in ihren Boxen und warteten geschockt auf Informationen über Simoncellis Zustand. In der Box des Unfallopfers weinte seine Freundin in böser Vorahnung hemmungslos, ehe sie sich mit den Teammitgliedern vor dem Medical Center versammelte, um schließlich die traurige Nachricht in Empfang zu nehmen. Knapp eine Stunde nach dem Unfall gaben die Ärzte den Kampf um das Leben des 24 Jahre alten Italieners mit dem charakteristischen Lockenkopf auf. Streckenarzt Michele Macchiagodena berichtete von sehr ernsten Verletzungen in Kopf-, Nacken- und Brustbereich. "Als unser Ärzteteam bei ihm ankam, war er bewusstlos. Im Rettungswagen gab es einen Herzstillstand und wir starteten mit der Reanimation.“ Im italienischen Sport wurde daraufhin am Sonntag eine Schweigeminute für Simoncelli abgehalten.
Simoncellis Tod beschließt eine dunkle Woche für den Motorsport. Sie hat allen Beteiligten auf grausame Weise vor Augen geführt, dass die tödliche Gefahr niemals ganz zu bannen sein wird. Zwar sind vor allem in der Formel 1 dank des Einsatzes des früheren Fia-Präsidenten Max Mosley umfangreiche Verbesserungen durchgeführt worden. Sebastian Vettel konnte seinen zweiten WM-Titel in seiner Heimatstadt Heppenheim auch deswegen so ausgelassen feiern, weil seine Rennserie seit 1994 vom Tod verschont blieb. Und auch in der Motorrad-Weltmeisterschaft unternimmt der Weltverband Fim schon seit längerem große Anstrengungen, die Sicherheit zu verbessern. Die Strecken sind inzwischen fast vollständig von riesigen Kiesbetten umgeben, die das Rasen in die Streckenbegrenzung fast unmöglich machen.
Eine Auslaufzone hätte womöglich auch Dan Wheldons Leben gerettet. Er war beim Indycar-Rennen in Las Vegas im Zuge eines Massencrashs von 15 Rennwagen mit fast 360 km/h in den Fangzaun geflogen, der direkt am Streckenrand stand. Doch eine Änderung ist hier durch eine grundsätzliche Diskussion über das nur noch in den USA betriebene Fahren in Ovalen denkbar. Diese Relikte aus den Anfangstagen des Motorsports sind wie Stadien konzipiert, in denen die Piloten wie Roulettekugeln mit Geschwindigkeiten von bis zu 390 km/h nur Zentimeter von Konkurrenten und Betonmauern entfernt im Kreis fahren.
In der kommenden Saison sollen immerhin die Hinterräder der Indycars mit einer Art Stoßfänger geschützt werden, um bei einem Auffahrunfall das Abheben eines Wagens wie in Wheldons Fall zu verhindern. Eine schützende Glaskuppel über dem Kopf der Piloten wird immerhin diskutiert, wie in der Formel 1 ist eine Realisierung allerdings noch nicht abzusehen.
Doch eine Gefahrenquelle lässt sich in keiner Rennserie der Welt wirklich ausschalten: das Rasen im Pulk. Beim Kampf Rad an Rad ist der Tod immer dabei; wer verunfallt und zurück auf die Strecke geschleudert wird, wird zum hilflosen Passagier wie Simoncelli in Sepang. Die Motorradfahrer sind durch Protektoren am Rücken geschützt, die meisten Unfälle gehen dadurch glimpflich aus. Doch der Hals- und Nackenbereich, der beweglich bleiben muss und deswegen nicht abgedeckt werden kann, ist der neuralgische Punkt.
In zwei Wochen rasen die Motorradpiloten trotzdem wieder, diesmal in Valencia. Sie werden die Gedanken an die Gefahr verdrängen, das gehört zum Anforderungsprofil des Berufs. Auch Stefan Bradl wird schon in zwei Wochen nicht mehr an Marco Simoncelli denken, sondern nur noch an die Zahl 13. Beim Rennen in Valencia reicht ihm dieser Platz zum Titelgewinn. „Wenn alles normal läuft, ist es kein großes Thema mehr“, sagte er. „Aber was läuft schon normal?“ Am Ende der tragischen Woche bleibt dem Rennsport wie immer nur die fatalistischen Einschätzung, die auf jeder Eintrittskarte steht: Motorsport ist gefährlich. (mit dpa,sid)

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