Sport : Tödliches Spiel

Werner Skrentny

Diese Geschichte aus der Geschichte dreht sich um viele Legenden und den späten Versuch einer Wahrheitsfindung. Sie handelt vom so genannten Todesspiel ukrainischer Fußballer gegen eine deutsche Militärmannschaft im Jahre 1942 in Kiew. Glaubt man dem DDR-Band "Fußball in Vergangenheit und Gegenwart" von 1976, soll "die Inkarnation faschistischer Sportbarbarei" sich so abgespielt haben: Deutsche Besatzer stellten in jenem Kiewer Sommer 1942 ihre so genannte Flakelf gegen die Mannschaft der städtischen Bäckerei Nr. 1, deren meiste Akteure von der Spitzenmannschaft Dynamo Kiew stammten. "Verlieren - oder sterben", soll die Alternative für die Ukrainer gelautet haben, sollte doch auf dem Rasen "die Überlegenheit der arischen Rasse" demonstriert werden. "Bereits während des Spiels hatte es das erste Todesopfer gegeben. Als ein Matrose aus den Zuschauerreihen dem an der Seitenlinie liegenden schwerverletzten sowjetischen Rechtsaußen zu Hilfe kommen wollte, wurde dieser von einem SS-General erschossen", heißt es in dem Buch. Trotzdem siegte das Team aus der Brotfabrik. Vier seiner Spieler bezahlten dies mit ihrem Leben. Nach anderen Versionen sind alle Fußballer sofort nach Abpfiff auf Lastwagen in die Todesschlucht von Babi Jar gebracht und dort hingerichtet worden; sie trugen noch ihre roten Trikots.

So und ähnlich lautet die Legende vom Todesspiel, die immer wieder fortgeschrieben worden ist und fortgeschrieben werden wird. In deutscher Sprache ist das Ereignis vor allem in der DDR literarisch gewürdigt worden: etwa 1960 im Roman "Ihr größtes Spiel" von Alexander Borstschagowski. 1969 erschien im Militärverlag, Erstauflage 45 000, von Creutz/Andrießen "Das Spiel mit dem Tode". "Filmerzählung mit literarischer Freiheit", liest man da, woraus zu schließen ist, dass das Todesspiel auch verfilmt wurde.

Es hat fast 60 Jahre gedauert, ehe ein britischer Autor - Andy Dougan mit seinem Buch "Dynamo - Defending the Honour of Kiev" (Verlag Fourth Estate London) -, sich auf die Suche nach der historischen Wahrheit hinter dem Todesspiel gemacht hat. Er wertete Archive in Kiew aus und befragte die wenigen überlebenden Zeitzeugen sowie ukrainische Sporthistoriker. So viel ist sicher: In der Realität gab es - anders als im Roman - keinen deutschen kommunistischen Ex-Rotsportler, der mit den Kiewern sympathisierte und im Spiel absichtlich einen Strafstoß vergab. Es gab auch keinen Funktionär der KPdSU, den die Fußballer vor den Nazis in Sicherheit brachten. Und: Dynamo Kiew war auch nicht, wie oft behauptet, in den 1930er Jahren zweimaliger Allunions- (also sowjetischer) Fußballmeister.

Kein Anpfiff nach dem Überfall

Dennoch hat das Todesspiel bis heute Symbolkraft. Dynamo Kiew, 1927 als Sportvereinigung von Polizei beziehungsweise Geheimpolizei NKWD und Innenministerium gegründet, besaß im sowjetischen Fußball einen großen Ruf. 1936 hatten die Blau-Weißen das UdSSR-Finale erreicht, wo sie 0:1 gegen Dynamo Moskau unterlagen.

Am 22. Juni 1941 - an dem Tag ermittelten Rapid Wien und Schalke 04 in Berlin den Deutschen Meister - versammelten sich die Dynamos, um das neue Republik-Sportstadion von Kiew einzuweihen. Das geplante Spiel gegen die Armeemannschaft CDKA wurde allerdings nicht angepfiffen: Deutschland hatte die Sowjetunion überfallen, und in den Vororten der ukrainischen Hauptstadt fielen an diesem Sommertag bereits Bomben. Am 19. September besetzten deutsche Truppen die Stadt. Dynamos Mannschaft hatte sich zu dem Zeitpunkt längst aufgelöst. Etliche Spieler gerieten als Soldaten der Roten Armee in deutsche Gefangenschaft, andere flohen, waren vermisst, wurden getötet. Manche blieben in der Hoffnung, unter deutscher Besatzung könne es nicht schlimmer sein als unter der stalinistischen Diktatur - oft ein tödlicher Trugschluss: Mannschaftsmitglied Lazar Kogan und Geschäftsführer Lev Chernobylsky von Dynamo starben mit über 33 000 jüdischen Glaubensgenossen beim Massaker der Deutschen in Babi Jar.

Die Männer aus der Brotfabrik

Dynamo Kiew gab es nicht mehr, als die Deutschen die Stadt eroberten - und gab es doch wieder. Zu danken war das einem Mann namens Iosif Kordik. Der hatte im Ersten Weltkrieg für die österreichisch-ungarische Monarchie gekämpft, arrangierte sich nun mit den neuen Machthabern und erhielt als so genannter Volksdeutscher die Leitung der Bäckerei Nr. 1, mit 300 Beschäftigten modernste Brotfabrik der Stadt. Kordik, ein Fußball- und Dynamo-Fan, nutzte seine neue Stellung und sammelte nach und nach die populärsten Sportler der Stadt in der Degtyarevskaya 19. Viele von ihnen waren aus deutscher Gefangenschaft entlassen worden, nachdem sie eine Art Loyalitätserklärung für die Besatzer unterzeichnet hatten.

Die ukrainischen Fußballer, neben Akteuren von Dynamo auch solche der Eisenbahner-Elf Lokomotive, waren glücklich über Arbeit und Obdach, die sie in der Brotfabrik gefunden hatten. An Spiele allerdings war nicht zu denken, bis Georgi Shvetsov, ein Sportlehrer, der unter den neuen Machtverhältnissen zum Journalisten avancierte, den Nazis den Vorschlag unterbreitete, eine Fußball-Liga einzurichten. Auch Shvetsov, ukrainischer Nationalist und fanatischer Antisemit, hatte sich mit den Deutschen verbündet. Er bildete den antibolschewistischen Klub Rukh Kiew, bei dem weniger fußballerisches Geschick als Hass auf die Sowjets gefragt war.

Rukh-Manager Shvetsov wusste natürlich von den bekannten Spielern, die in der Brotfabrik untergekommen waren, und versuchte sie zu überzeugen, seinem Verein beizutreten. Ein vergebliches Unterfangen, denn ein Charakterzug der Dynamo-Mannschaft, der sich auch im Todesspiel erweisen sollte, war bis auf eine Ausnahme, von der noch zu berichten sein wird, der unbedingte Zusammenhalt. Den hatten die Fußballer bereits zu Sowjetzeiten bewiesen, als ihr Stürmerstar Konstantin Shchegotsky, ein Lebemann und Intellektueller, wegen angeblicher Spionage 15 Monate in NKWD-Haft war und kein Mitspieler gegen ihn aussagte.

Die Männer aus der Brotfabrik nahmen schließlich als eigenes Team an der Kiewer Fußball-Runde teil. Nach langen Debatten: War es nicht Kollaboration, wenn man an dem unter der Besatzung organisierten Wettbewerb teilnahm, der in Kriegszeiten Normalität vorgaukeln sollte? Aber da war auch der Stolz auf Dynamo, die Liebe zum Sport und die Chance, die Moral der Einheimischen zu verbessern. Schließlich stimmten alle zu, auch Nikolai Makhinya, der Kommunist aus der Endspielelf von 1936. Man gab sich den Namen FC Start und wählte rote Spielkleidung - ein Affront gegen die Nazis.

Start debütierte am 7. Juni 1942 in der von Republik-Sportstadion in Deutsches Stadion umbenannten Kiewer Arena mit einem 7:2 gegen die Nationalisten von Rukh. Deren Chef Shvetsov brachte die Niederlage so auf, dass er die Start-Spieler bei den Deutschen anschwärzte: Seine Nationalisten könnten nicht auf demselben Spielfeld wie ehemalige Kriegsgefangene trainieren. Fortan durfte das Bäckerei-Team nur im kleineren Zenit-Stadion antreten. Dort setzte Start den Siegeszug fort, obwohl die Spieler unter dem Schichtbetrieb, mangelhafter Ernährung und unzureichender Ausstattung litten: 6:2 hieß es gegen die ungarische Garnison, 11:0 gegen die Rumänen - beide Länder waren mit dem Deutschen Reich verbündet -, 6:0 gegen die deutsche Militärelf PGS, 5:1 und 3:2 gegen das ungarische Team MSG Wal.

In der Stadt hatte sich herumgesprochen, dass sich bei Start viele Lieblinge der Dynamo-Fans zusammengefunden hatten. Als Start die bis dahin unbesiegte deutsche Flakelf 5:1 schlug, war der Jubel groß: Die Elf galt nun bei Ukrainern, die das neue Regime ablehnten, als Symbol der Selbstbehauptung. Drei Tage nach dem 1:5, am 9. August 1942, setzten die Deutschen die Revanche an. Überall hingen Plakate, 14 Namen ukrainischer Spieler wurden genannt - ein Verhängnis, wie sich herausstellen sollte. "Eine Niederlage der Deutschen im Rückspiel war undenkbar", schreibt Dougan: Die Begegnung hatte "eine politische Dimension".

Das Zenit-Stadion war ausverkauft. Es wimmelte von Wehrmacht, SS, Polizei und Wachmännern mit Hunden. Die Stimmung war angespannt, ab und an vernahm man ukrainische Volkslieder von den Rängen, deren Haupttribüne die Deutschen besetzt hatten. Vor Beginn betrat der Schiedsrichter in SS-Uniform die Kiewer Kabine und teilte mit, die Spieler von Start müssten vor dem Anpfiff den "Deutschen Gruß" ausbringen. Kaum war der SS-Mann gegangen, wurde heftig diskutiert, wie man sich im Spiel verhalten solle. Lev Gundarev, einziger Vertreter des FC Rukh im Team, meinte: "Das Beste ist, wir verlieren." Doch die Mannschaft entschied anders: Es wurde der Teamgeist beschworen, der sich schon dem NKWD und den Abwerbeversuchen von Rukh verweigert hatte.

Im Mittelkreis angelangt, grüßten die Start-Leute nicht mit "Sieg Heil!", sondern führten die Hand zur Brust und riefen den ukrainischen Sportgruß "Fizcult Hura!" - "Lang lebe der Sport!" Starts Spieler erkannten viele neue Gesichter in der Flakelf. Dass allerdings deutsche Nationalspieler für die Begegnung eingeflogen worden waren, erwies sich als Gerücht. Immerhin: Die Deutschen hielten elf Auswechselspieler parat, bei Start saß allein der Trainer auf der Bank.

Brutale Angriffe

Die Fußballer der Flakelf agierten brutal: Kiews Torhüter Trusevich war nach einem Tritt gegen den Kopf minutenlang bewusstlos. Etliche Akteure der Ukrainer, die keine Schienbeinschützer trugen, wurden verletzt. Die früheren Dynamo- und Lok-Spieler gingen fortan körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg und führten zur Pause 3:1. Die unfaire Spielweise der Flakelf hatte Schlägereien zwischen den Anhängern beider Teams geführt. In der Pause intervenierte Rukh-Manager und Nazi-Freund Shvetsov in der Kabine von Start: Die Spieler sollten sich und andere schützen - und unterliegen. Ein SS-Offizier drohte Konsequenzen an. Ein Kiewer Sieg sei unerwünscht.

Inzwischen hatten SS und Militär an den Seitenlinien Stellung bezogen. Als es in der zweiten Halbzeit 5:3 für Start stand, pfiff der deutsche Schiedsrichter ab. Die Deutschen ließen das Stadion räumen, Schüsse in die Luft wurden abgefeuert, um die jubelnden Ukrainer zu zerstreuen. Starts Spieler hatten Angst. Doch die Deutschen hielten sich zurück. Sie wollten keine Tumulte und keine Märtyrer. So geschah erst einmal nichts. Die Männer kehrten zurück in die Brotfabrik. Am 16. August wurde die Runde mit dem Spiel Start - Rukh (8:0) fortgesetzt.

Für das, was folgte, schien Rukh-Chef Shvetsov die treibende Kraft gewesen zu sein. Er behauptete, die ehemaligen Dynamo- und Lok-Spieler würden die Autorität der Besatzung verhöhnen, sie seien Symbolfiguren für den Bolschewismus. Das Plakat mit den Spielernamen diente nun als Grundlage für Verhaftungen: Ein Spieler nach dem anderen wurde ins Kiewer Gestapo-Hauptquartier in der Karolenko-Straße eingeliefert. Für einen von ihnen bedeutete das den sicheren Tod: Nikolai Korotykh war um 1932 einige Zeit NKWD-Offizier gewesen. Nach Hitlers "Kommissarbefehl" waren politische Kommissare ohne Verhandlung umzubringen. Die Gestapo folterte Korotykh zu Tode. Ob die Nazis von seiner früheren Tätigkeit wussten oder ob ihn seine Schwester, die die Sippenhaft fürchtete, oder Mitspieler Pavel Komarov verrieten, ist ungeklärt. Komarov jedenfalls war Nazi-Spitzel und flüchtete später dank deutscher Hilfe aus der Haft.

Deportation und Mord

Zehn Spieler wurden ins Todeslager Siretz bei Kiew deportiert. Nachdem Partisanen im Februar 1943 eine Fabrik in Brand gesetzt hatten, beschloss Lagerkommandant Paul Radomsky Vergeltung: Jeder dritte Gefangene musste erschossen werden. Es spricht alles dafür, dass die SS jene Dynamo-Fußballer ermordete, die in der Bevölkerung besonders populär waren. Am 24. Februar 1943 wurde Ivan "Vanja" Kuzmenko, der athletische Mittelstürmer, zusammengeschlagen und erschossen. Alexei Klimenko, Jüngster des FC Start und viel gelobter Verteidiger, war das nächste Mordopfer. Nikolai Trusevich, Kopf der Elf und bester sowjetischer Torwart, sprang noch einmal auf und rief: "Krasny sport nie umriot!" - "Rotsport wird nie sterben!" Dann tötete ihn ein Schuss.

Damit waren vier von elf Akteuren des Todesspiels ermordet worden. Das war nach Kriegsende als Thema in der Sowjetunion erst einmal tabu, wurden doch die überlebenden Spieler der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt. Was dann 1959 in Buchform zu den Ereignissen erschien, war mehr Legende denn Wahrheit. Immerhin, 1965 erhielten die Überlebenden des Todesspiels den Orden des Großen Vaterländischen Krieges, bis heute wird allen jüngeren ukrainischen Sportlern die Geschichte erzählt und 1971 errichtete man ein Denkmal für die vier Opfer vor dem Dynamo-Stadion. Was in der Sowjetunion üblich war, ist bis heute Brauch geblieben: Nach der Hochzeit legen junge Paare Blumen an den Monumenten für Rotarmisten, Partisanen und eben auch vor dem Dynamo-Stadion nieder.

Die Literatur berichtet noch von anderen Todesspielen, 1942 in Dneprodsershinsk und 1943 in Tarnopol. Die präzisen Ereignisse sind ebenso unbekannt wie die Aufstellung jener deutschen Flakelf, die im Sommer 1942 das Todesspiel von Kiew bestritt.

Der Autor beschäftigt sich als freier Journalist mit Fußballgeschichte und hat zuletzt "Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien" im Verlag Die Werkstatt, Göttingen, veröffentlicht.

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