Sport : Toni spielt immer

Bayern hat nur scheinbar Variationen im Sturm

Michael Neudecker[München]

Lukas Podolski hupte, als keiner damit rechnete, er grinste, und dann gab er noch mal Gas, ganz kurz nur, bog eng um die Ecke und setzte seinen großen Dienstwagen mit dem Hinterreifen gegen den Randstein. Der Wagen hüpfte, der Reifen knirschte, Podolski erschrak ein bisschen, und sein Publikum an der Säbener Straße lachte: Ach ja, der Poldi, verrückter Kerl. Es war der vorerst letzte Autospaß des Stürmers, er muss für einen Monat den Führerschein abgeben, weil er auf der Autobahn gedrängelt hat. Überhaupt ist er derzeit in ziemlich überschwänglicher Drängellaune – die Frage ist nur, ob ihm das kurzfristig gesehen etwas nützt.

Am Donnerstagabend, beim 5:1-Sieg des FC Bayern gegen eine unterdurchschnittliche Mannschaft aus Aberdeen, da hatte Podolski über volle 90 Minuten hinweg zeigen können, wozu sein jugendlicher Überschwang führen kann: Er hat zwei Treffer erzielt und war auch sonst sehr agil, motiviert, kaum zu bremsen. Sie haben das natürlich gesehen beim FC Bayern. Manager Uli Hoeneß zum Beispiel hat ihn gelobt: ,,Man hat das Gefühl, dass er langsam in München ankommt.“ An der Hierarchie aber ändert das nichts. Selbstverständlich nicht: Luca Toni ist und bleibt der Lieblingsspieler von Trainer Ottmar Hitzfeld, seine Auswechslung am Donnerstag war geradezu sensationell, und Miroslav Klose bleibt trotz anhaltender Unschärfe beim Zielen im Sturm der Bayern Nummer 1b. Podolski wird wohl auch an diesem Sonntag auf der Bank Platz nehmen müssen, wenn der FC Bayern den Hamburger SV empfängt. Zum Spitzenspiel der Bundesliga kehrt Franck Ribéry nach seiner Verletzung in den Kader der Münchner zurück.

Dabei hat Podolski es noch gut: Schließlich hat er mit Hitzfelds Nachfolger Jürgen Klinsmann ab der neuen Saison einen bedeutenden Fürsprecher als Vorgesetzten. Klinsmann habe vor ein paar Wochen mit ihm telefoniert, bestätigte Podolski, und Hoeneß erzählte, Klinsmann habe verlangt, Podolski im Kader vorzufinden, wenn er seinen Job in München antrete. Andere im Sturm der Bayern haben solche Fürsprecher nicht, Jan Schlaudraff zum Beispiel.

Schlaudraff ist längst genesen und fit, doch er bekommt kaum Gelegenheit, zu dribbeln, wie er es früher bei Alemannia Aachen getan hat. Heute gegen den HSV steht er nicht einmal im Kader. Seine Vielseitigkeit hatten die Bayern gelobt – nun aber wechselt er höchstens vielseitig die Sitzplätze auf der Ersatzbank. Der Sturm des FC Bayern bleibt also überschaubar in seinen Variationen: Toni spielt immer und trifft meistens; Klose spielt nahezu immer und trifft mal oft, mal gar nicht, und Podolski spielt immer, wenn einer der beiden pausiert, namentlich Klose.

Kloses Pause gegen Aberdeen kam zwar überraschend, war andererseits auch gerechtfertigt: Er ist schlecht drauf zurzeit. Man muss das so formulieren, es umschreibt die gegenwärtige Lage des Miroslav Klose einfach am besten: Er ist schlecht drauf, wenn er auf dem Platz steht. Er spielt zwar ordentlich mit und bereitet immer wieder mal einen Treffer von Toni vor, doch er selbst verfehlt das Tor, als sei er in Wahrheit ein Verteidiger. Und neben dem Platz, da ist Klose genervt, wenn er angesprochen wird, er hat keine Lust auf Gespräche, keine Lust auf Antworten. Weshalb sie in München schon Angst haben, dass wieder eine dieser schlechten Phasen bevorsteht, die im Klose-Zyklus regelmäßig auftreten.

Noch aber ist es nicht so weit, noch darf Klose versuchen, sich gegen die nächste Phase zu wehren. Gegen den HSV bekommt er eine neue Chance, und er wird versuchen, sie zu nutzen, vielleicht noch mehr als noch vor kurzem. Denn er weiß seit Donnerstag: Lukas Podolski hat sein persönliches Tal durchschritten. Er ist jetzt da, voll da, ob mit Auto oder ohne.

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