Sport : Tor mit Mehrwert

Klaus Rocca

Es war ein Foto wie geschaffen fürs Familienalbum. Alex Alves, links an seiner Seite die Ehefrau, auf dem Arm das Töchterchen, präsentierte sich stolz den Fotografen. Allzu viele dieser großen Tage hat Alves seit seinem Debüt für Hertha BSC im Januar 2000 nicht gehabt, in letzter Zeit öfter. Gestern hatte der teuerste Spieler der Vereinsgeschichte schon nach 65 Sekunden seinen großen Auftritt. Da erzielte er jenes Tor, das an diesem trüben Nachmittag im Olympiastadion das Einzige bleiben sollte. Und das Berlins Fußball-Bundesligisten einen Sieg bescherte, der ihm alle Chancen im Kampf um einen Champions-League-Platz belässt. Berauschend war es nicht, dieses 1:0 gegen Hansa Rostock, zudem noch ein wenig glücklich, doch es brachte drei wichtige Punkte. Hertha bleibt unter Falko Götz auf dem richtigen Kurs.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Mit Götz, der seit seinem Amtsantritt Hertha nun schon zum achten Erfolg führte und lediglich am Gladbacher Bökelberg als Verlierer den Platz verließ, scheinen ohnehin alle Fußballmächte zu sein. Seine Mannschaft spielte gestern schlecht und gewann trotzdem. Und obendrein profitierte sie von der Schalker Niederlage in Bremen. Sehr zur Freude der 42 000 im Olmpiastadion, sofern sie nicht zum zahlenmäßig großen Fankreis der Rostocker gehörten. Die Phonstärke des Jubels bei der Bekanntgabe der Zwischenergebnisse aus Bremen auf der Anzeigetafel übertraf beträchtlich die bei den Aktionen auf dem Rasen. Mit Ausnahme jener besagten nach 65 Sekunden.

Da profitierte Alves, von Rostocks Abwehrspielern geflissentlich ignoriert, von einer präzisen, mit viel Effet getretenen Flanke Stefan Beinlichs. Der Brasilianer, der fünf seiner sechs Saisontreffer unter Götz erzielt hat, hätte früher, bar jeden Selbstvertrauens, solch eine Großchance vielleicht sogar noch vergeben. Derzeit ist er gut drauf, auch psychisch. Offenbar auch physisch, obwohl er nach seinem Muskelfaserriss erst vier Trainingseinheiten bestritten hatte. Götz ließ Alves jedenfalls bis zum Schluss auf dem Rasen.

Das Blitztor hätte Initialzündung sein können für ein großes Hertha-Spiel. War es aber nicht. "Es war eher Gift für uns. Danach haben wir fast nur noch reagiert, statt zu agieren", so Götz. So recht agieren vermochten allerdings auch die Rostocker nicht. Ob es ihr Auswärtskomplex (seit Jahresbeginn sieben Niederlagen in Folge bei 5:19 Toren) war, zu großer Respekt vor den Herthanern oder das sie in bedrohliche Tabellenregionen befördende spielerische untere Mittelmaß, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass hüben und drüben Dürftiges geboten wurde. Für Herthas Mannschaftskapitän Michael Preetz war es ein "zerfahrenes Spiel, das mit einem Arbeitssieg endete".

Für Armin Veh, Rostocks Trainer, gar noch mit einem unverdienten. Ein Remis, meinte er, sei verdient gewesen. Götz sah das anders: "Wir hatten die besseren Chancen und haben deshalb auch zu Recht gewonnen." In der Tat hatten die Gäste, trotz so manch sehenswerter Kombination, eigentlich nur eine echte Torchance. Die machte Gabor Kiraly in der 83. Minute zunichte, als er Magnus Arvidssons Nahdistanz-Schuss mit gutem Reflex parierte. Sonst wäre der Unwillen auf den Rängen, der sich schon nach einer Stunde in Pfiffen äußerte, erheblich größer gewesen. Dass Götz in der letzten Viertelstunde mit Andreas Schmidt und Eyjölfur Sverrisson zwei Defensivspieler für die zumeist offensiv ausgerichteten Bart Goor und Thorben Marx ins Spiel brachte, ließ ahnen, dass die Furcht, in dieser Zitterpartie doch noch kalt erwischt zu werden, so gering nicht war.

Am Ende durften die Herthaner, deren Beste Stefan Beinlich, Dick van Burik und eben Alves waren, vor den Fanblocks die Huldigungen ihrer offenbar längst versöhnten Anhänger entgegennehmen. Sie hatten sich in einem Spiel behauptet, von dem Manager Dieter Hoeneß tatsächlich meinte, es sei das schwerste der letzten vier dieser Saison. Zur Erinnerung: Nun geht es nur noch gegen FC Bayern, Schalke und Leverkusen. Da kann ja eigentlich nichts mehr passieren ...

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