Sport : Tore statt Waffen

In Kolumbien ist Sport ein Mittel gegen Gewalt – in Drogenhochburgen genauso wie bei der Bekämpfung der Guerillas

Juan José Ramírez

Bogota. Die schwer bewaffneten Polizisten in Uribe, dem einsamen Ort inmitten der kolumbianischen Ebene, führen ein langweiliges Leben. Ihre einzige Abwechslung besteht darin, den jungen Leuten zuzusehen, die auf einem zementierten Platz Fußball spielen. Uribe liegt in einer von der kolumbianischen Guerillagruppe FARC kontrollierten Gegend. Militär und Polizei sind stets präsent, die Einwohner leben in ständiger Furcht vor Anschlägen. Viele der jungen Leute gehen nicht zur Schule, weil sie Coca-Pflanzen ernten, die Grundlage von Kokain. Sie verbringen ihre Zeit damit, auf eine Rekrutierung durch die Guerilla zu hoffen – oder Fußball zu spielen.

Sport als Mittel gegen die Gewalt: In vielen Teilen Kolumbiens wird es angewendet. In der Drogenhochburg Medellín organisieren Sozialarbeiter Straßenfußballturniere. Dadurch soll verhindert werden, dass sich die Straßenbanden weiter ausbreiten. Vor allem aber fördert das Spiel das friedliche Zusammenleben – die Menschen lernen, Differenzen nicht mit Waffen, sondern mit Toren auszutragen. Tatsächlich wurden jene Gegenden sicherer, in denen es die Polizei bis dato schwer hatte, sich gegen Guerilla-Symphatisanten durchzusetzen.

Dann und wann geht aus diesen Spielen ein guter Fußballer hervor. Fußball bringt auch Hoffnung. Es ist die alte Geschichte Südamerikas: Wer immer keine Möglichkeit hat, zu guter Ausbildung oder wenigstens menschenwürdiger Arbeit zu gelangen, sucht seine Chance im Sport, wo ihn Körperkraft und Talent vielleicht nach oben bringen.

Doch nicht nur Fußball erleichtert den Alltag in einem Land, das die üblichen Nachrichten von Bomben und Toten vergisst, wenn einer seiner Athleten international erfolgreich ist. Radfahren ist populär, ein Fahrer wie Straßenweltmeister Santiago Botero vom Team Telekom ist ein nationales Idol. Auch die Veranstaltungen im eigenen Land geben den Menschen die Gelegenheit, den bewaffneten Guerillabanden zu zeigen, dass sie das Land noch nicht vollends kontrollieren. Die Vuelta a Colombia, das älteste Radrennen Amerikas, ist jedes Jahr auch eine Demonstration gegen die gelegentlichen Straßensperren der FARC. Wie beliebt die Rennfahrer sind, zeigte die Entführung des Radprofis Lucho Herrera. Das Verbrechen stieß auf Abscheu, die Menschen protestierten auf den Straßen, und nach kurzer Zeit wurde Herrera freigelassen.

Trotzdem bleibt Fußball die größte Leidenschaft der Kolumbianer. Persönlichkeiten wie Carlos Valderrama, der beste kolumbianische Spieler aller Zeiten, sind heute bekannter und beliebter im Lande als jeder Schriftsteller, Politiker oder Künstler. Die Organisation der Copa América 2001, der Südamerika-Meisterschaft, bei der entgegen manchen Befürchtungen keiner der angereisten Delegationen etwas geschah, geriet zu einer Demonstration der nationalen Einheit. Das Land hatte endlich ein Ziel vor Augen. Kolumbiens Titelgewinn bei der Copa 2001 ist schon mit dem WM-Sieg Deutschlands 1954 verglichen worden. So ein Turnier zu gewinnen macht allen Menschen Mut – von Uribe bis Medellín.

Aus dem Spanischen von Martín E. Hiller

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