Sport : Tortur in 64 Etappen

Ein Deutscher gewinnt den Transeuropa-Lauf über 5000 km

Elke Windisch

Moskau. Ihre Haut weist jene tiefe Bräune auf, die nicht vom Urlaub an der Adria, sondern von stetiger, langer Sonneneinwirkung zeugt. Turnschuhe hat sie an, und unter der roten Windjacke ist eine Gürteltasche zu sehen, in der nur das Allernotwendigste Platz findet: Geldbörse, Pass und eine Rolle Klopapier. Erschöpft, aber glücklich sitzt Sigrid Eichner, 62, und in Prenzlauer Berg zu Hause, an einem der Holztische und nippt an ihrem Rotweinglas. Es ist Samstagabend, und die Moskauer Bayer-Repräsentanz hat zu ihrem Sommerfest auch die Teilnehmer eines Extremsport-Ereignisses der härtesten Sorte eingeladen: Nur wenige Stunden zuvor erreichten die letzten Athleten das letzte Etappenziel im Transeuropa-Lauf – den Triumphbogen am Eingang zum Park des Sieges in der russischen Hauptstadt.

44 Läufer aus Europa, Japan und den USA gingen am 19. April in Lissabon an den Start. Vor ihnen lagen beim längsten Rennen der Welt über 5000 km, zu bewältigen in 64 Etappen mit einer Länge von jeweils 80 - 100 Kilometern. Die Strecke führte durch Spanien, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Polen, Russland und Weißrussland. In Deutschland waren unter anderem Wernigerode, Schönebeck, Brandenburg, Dahlewitz bei Berlin und Frankfurt (Oder) Etappenziele. Nur die Hälfte der Läufer, die eine Startgebühr von 2970 Euro bezahlten, erreichte das Ziel. Sieger wurde der 38-jährige Nürnberger Robert Wimmer. „Mein Ziel war es, als einer der Ersten anzukommen und mit einem Lächeln in Moskau einzulaufen. Beides ist mir gelungen“, sagte Wimmer nach zwei Monaten Tortur für Körper und Geist.

Laufen heißt für Sigrid Eichner seit fast dreißig Jahren leben. „Laufen hat mir einen bestimmten Freiraum gegeben, ich konnte dabei gut nachdenken“, erzählt sie. Anfangs schaffte sie zehn Kilometer, dann traute sie sich immer längere Strecken zu, vor zwei Jahren schließlich den Spreelauf: 400 Kilometer, die in sechs Tagen zurückzulegen sind. Organisator dort ist Ingo Schulze – wie beim Transeuropalauf . Als Eichner davon hörte, trainierte sie noch härter und kam tatsächlich auf die Startertliste.

Schon in Spanien gibt es die ersten Probleme mit den Schuhen. Die Strecke führt teilweise über Schotter. „So sahen meine dann in Frankreich aus“, sagt sie und fasst resolut nach dem Schienbein eines japanischen Teilnehmers, um die ramponierten Sohlen vorzuführen. Die neuen Treter überstehen ganze vier Etappen, und nach 2000 km zwingt eine Verletzung sie, zwei Tage lang zu pausieren. Dann läuft sie weiter mit.

Und wenn es nicht mehr geht, hilft sie bei der Betreuung der Kollegen: als Straßenposten oder an den Stützpunkten, an denen die Athleten alle zehn Kilometer ihre Trinkflaschen auffüllen konnten. Durchhalten, sagt sie, sei eine Sache der inneren Einstellung und eigentlich ganz einfach: „Früh um sechs läuft man los. Wenn der erste Getränkestützpunkt nach anderthalb Stunden erreicht ist, sind es schon zehn Kilometer weniger. Und wenn man es bis 30 geschafft hat, ist man schnell bei 50, und dann ist es auch bis Kilometer 80 nicht mehr allzu weit.“

Neuneinhalb Stunden täglich war sie im Durchschnitt unterwegs. „Mein Ziel war nicht der Sieg, sondern anzukommen. Ich war dabei, wie auch immer .“ Einmalig sei der Lauf gewesen, schwärmt sie. In spätestens 14 Tagen seien alle Probleme vergessen: etwa die zum Teil dreckigen Turnhallen in Weißrussland, wo sie übernachteten, und die „unbeschreiblichen hygienischen Bedingungen und sanitären Anlagen. Was bleibt, sind traumhafte Landschaften und unvergessliche Lauferlebnisse.“

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