Torwart Iker Casillas : Zu mächtig für Madrid?

Torwart Iker Casillas hat bei Real Madrid den Status eines Heiligen – jetzt will er den Verein verlassen, weil er dort nur in der Champions League und im Pokal spielt.

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Seine Heiligkeit. Dass Casillas nur noch selten spielt, gefällt vielen nicht.
Seine Heiligkeit. Dass Casillas nur noch selten spielt, gefällt vielen nicht.Foto: Reuters

Alle wurden sie abgeklatscht. Sergio Ramos etwa oder Sami Khedira. Danach Cristiano Ronaldo und Isco. Bevor es für die Spieler von Real Madrid raus zum Spiel gegen Malaga ging, bekam jeder noch einen Klaps von Kapitän Iker Casillas mit auf den Weg. Jeder? Nicht ganz. Einen hatte Casillas scheinbar vergessen, obwohl der mit einer Körpergröße von 1,96 Meter nur schwer zu übersehen ist. Torhüter Diego Lopez musste ohne Casillas’ Aufmunterung aufs Feld. Was ihn aber kaum störte, bei Reals 2:0-Sieg blieb Lopez ohne Gegentor.

Bisher hat sich Iker Casillas stets als fairer Sportsmann präsentiert. Inzwischen aber fällt es ihm immer schwerer, die Contenance zu wahren. Auch oder gerade gegenüber Lopez. Der ist nämlich nach wie vor die Nummer eins im Tor des spanischen Rekordmeisters. Lopez darf in der Liga Madrids Tor hüten, Casillas spielt im nationalen Pokal und in der Champions League. Auch heute, wenn Real Madrid Juventus Turin empfängt.

Eine seltsame Konstellation. Gewöhnlich spielt der Ersatztorhüter bei manchen Teams zwar im Pokal, aber nicht im wichtigsten Klubwettbewerb, der Champions League. Für Casillas bedeutet die neue Rollenverteilung eine Verbesserung seiner Situation. So scheint es im ersten Moment. Im Frühjahr hatte der 32-Jährige nach einer Handverletzung unter dem damaligen Trainer José Mourinho keine Chance mehr erhalten. Offensichtlich war, dass ausschließlich persönliche Gründe für Casillas’ Demission verantwortlich waren. Mourinho hatte dem Torhüter nie verziehen, dass der zum Wohle der spanischen Nationalmannschaft den Streit zwischen den Spielern von Real Madrid und Barcelona schlichtete. Und sich damit Mourinhos Vorhaben, die Atmosphäre zwischen den Blöcken zu vergiften, in den Weg stellte. Mourinho wandte sich mehrmals an Klubpräsident Florentino Perez. Casillas sei ein Revolutionär, der die Autorität des Trainers untergrabe und die Mannschaft spalte, soll Mourinho gesagt haben. Bei Perez, der nie ein großer Freund des Torhüters war, stieß er damit auf offene Ohren. Perez fand immer mehr Gefallen an dem Gedanken, Casillas loszuwerden. Bei seinem Abschied gab Mourinho Perez noch einen Tip: „Wenn du hier wieder Erfolg haben willst, musst du Casillas entfernen.“

Nur ist das nicht ganz einfach. Die Fans verehren ihn als den „heiligen Iker“. Auf der Mitgliederversammlung fragten einige Perez vorwurfsvoll, wie der weltbeste Torhüter bei Real nur auf der Bank sitzen könne. Es gibt im aktuellen Kader keinen Spieler, der soviel Einfluss hat. Nicht wenige sagen, Casillas sei nach Präsident Florentino Perez der mächtigste Mann im Klub. Eine Vorstellung, die Perez wenig verzückt. Nebenbuhler duldet er nicht. Das musste in der Vergangenheit schon Raúl erfahren, der vor seinem Wechsel zu Schalke einen ähnlichen Status bei Real besaß wie Casillas heute. Raúl und Casillas waren schon bei Real, bevor Perez im Jahr 2000 zum ersten Mal Präsident wurde. Sie gehören nicht zu denen, die der Bauunternehmer für viel Geld in die spanische Hauptstadt holte.

Als mit Carlos Ancelotti im Sommer ein neuer Trainer nach Madrid kam, glaubten viele an Casillas’ Rückkehr ins Tor. Nur war dem nicht so. Fragen kamen auf. Hatte die Verbannung auf die Bank schon unter Mourinho nicht nur persönliche, sondern auch sportliche Gründe? Diego Lopez gilt neben Casillas und Barcelonas Victor Valdes als einer der besten Torhüter Spaniens; für die Nationalmannschaft bestritt er ein Spiel. In Madrid spielte Lopez bisher fehlerfrei. Ancelotti tat sich vor dem ersten Spieltag trotzdem schwer, seine Entscheidung für Lopez zu rechtfertigen. Der Italiener druckste herum, eine genaue Erklärung würde den Rahmen der Pressekonferenz sprengen und außerdem sei es auch nicht der richtige Zeitpunkt. Wenige Tage darauf bestimmte Ancelotti dann Casillas zum Mann für die Champions League.

Was seltsam erscheint, macht bei genauer Betrachtung Sinn. Durch die erneute Degradierung zieht Casillas erstmals einen Wechsel in Erwägung. Auch, um seinen Platz im Nationalteam vor der WM nicht zu gefährden. „Wenn sich in drei Monaten an meiner Situation nichts ändert, werde ich wahrscheinlich einen Vereinswechsel in Erwägung ziehen“, sagte er. Im Winter könnte der fünfmalige Welttorhüter Madrid verlassen. Nur wäre er bei seinem neuen Arbeitgeber für die Champions League gesperrt.

Ancelotti scheint in Zukunft auf Lopez im Tor zu setzen. Auch, um eine neue Struktur ins Team bringen zu können. Derzeit ist Real mit seinen Neuzugängen eine Mannschaft ohne echte Hierarchie. Bei Teilen des Teams hat Casillas Vertrauen verspielt, weil seine Lebensgefährtin, eine bekannte Journalistin, zuletzt Interna verriet. Casillas gilt als Anführer des spanischen Blocks. Demgegenüber steht die Gruppe der Portugiesischsprachigen um Cristiano Ronaldo, der über Casillas und dessen Situation sagt: „Ich habe meine Meinung, aber ich will keine Probleme oder mich in die Nesseln setzen.“ Wohlwissend, welchen Status Casillas bei den Fans besitzt.

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