Torwart im Pech : Alles Kopfsache

Nach den fatalen Gegentreffern für Herthas Torhüter Sascha Burchert diskutiert der Verein, wie man dem 19-Jährigen die Verunsicherung nehmen kann.

Sven Goldmann
Funkel_Burchert
Der traurige Tormann. Sascha Burchert ist nach den unglücklichen Gegentoren im Spiel gegen den HSV untröstlich und lässt sich auch...Foto: dpa

Berlin - Um halb zwölf geht Christian Fiedler vom Trainingsplatz in die Kabine. Der Mann ist bei Hertha BSC für die Torhüter zuständig und sichtbar schlecht gelaunt, was auch, aber nicht nur an der 1:3-Niederlage gegen den Hamburger SV liegt. Vor dem Training hat er die Zeitung mit den großen Buchstaben gelesen. Fiedler sucht und findet den Reporter, er hat seinen Schützling in daumenhoher Überschrift verballhornt zum „Kopfball-Torwart-Trottel“. Es fallen im Folgenden böse und sehr laute Worte: „Was bist du denn für ein Vogel?!“ – „Du hast Glück, dass du das nicht mit mir gemacht hast!“ Und: „Mein Gott, der Junge ist 19 Jahre alt!“

Der 19 Jahre alte Junge sagt vorsichtshalber gar nichts. Sascha Burchert steht ziemlich ratlos vor einer Situation, die schweren Einfluss auf seine gerade erst beginnende Karriere nehmen könnte. Gegen den HSV wurde er nach einer halben Stunde eingewechselt, lief binnen zwei Minuten zweimal weit aus seinem Tor heraus und klärte anstelle seiner Verteidiger mit dem Kopf. Nur fand der Ball beide Male seinen Weg auf einen gegnerischen Fuß und von dort aus ins Tor. Schlafmützige Berliner Verteidiger hin, technisch perfekte Hamburger her – ein Kopfball-Torwart-Trottel verkauft sich besser. Man kann sich vorstellen, was in Sascha Burcherts Kopf vorgeht und was das für sein Selbstbewusstsein bedeutet.

Burchert schweigt, dafür reden andere. Zum Beispiel Friedhelm Funkel. „Kein Vorwurf an Sascha“, sagt Herthas neuer Trainer. „Er hat in beiden Situationen richtig gehandelt. Vielleicht hätte er beim ersten Mal etwas mehr nach außen köpfen sollen, aber auf dem Platz geht alles so schnell, genauso schnell musst du eine Entscheidung treffen, und er hat nun mal so entschieden.“ Oder Burcherts Hamburger Kollege Frank Rost: „Der Burchert hat ganz gut mitgespielt, da sind ja auch noch zehn andere auf dem Platz.“ Am deutlichsten wird der Mann, der eigentlich Herthas Tor hüten sollte, dazu aber seit zwei Wochen wegen eines lädierten Oberschenkels nicht in der Lage ist. Jaroslav Drobny sagt: „Ich hätte in beiden Fällen genauso gehandelt!“

Eigentlich will Drobny gar nichts weiter sagen über Burchert, „er ist schließlich mein Kollege“. Dann redet er doch, und was herauskommt, stellt Burcherts verteidigende Kollegen in ein nicht gerade vorteilhaftes Licht. „Warum geht keiner – wie sagt ihr Deutschen gleich – ach ja, warum geht keiner in den Zweikampf? Und wenn der Torwart so weit rausläuft, muss einer hinten das Tor absichern. Das sind doch alles basic things.“ Weil bei Hertha am Sonntag mal wieder alle Grundlagen vernünftiger Abwehrarbeit fehlten, steht Sascha Burchert jetzt als Slapstick-König der Liga da.

Ist alles ein bisschen dumm gelaufen für ihn. Eigentlich sollte Burchert in diesen Tagen mit der Junioren-NationalMannschaft in Ägypten um die WM spielen. Die Deutschen sind dort bisher so souverän aufgetreten, dass sie ganz ungeniert vom Titelgewinn reden. Am Mittwoch geht es im Achtelfinale gegen Nigeria, am Spielort Suez wird es 30 Grad heiß sein. Burchert aber ist im nasskalten Berlin geblieben, wo niemand vom Titel, aber alles vom Abstieg redet.

Das Verhängnis für ihn begann vor ein paar Wochen, als sich Herthas Ersatztorwart Christopher Gäng verletzte, und irgendeiner bereitstehen musste für den Fall, dass Jaroslav Drobny etwas passiert. Dieser Fall trat schneller ein als erwartet und erst recht als erhofft. Burchert durfte sich zweieinhalb Spiele lang als Nummer eins fühlen, dann verpflichtete Hertha aus der Arbeitslosigkeit Timo Ochs, der zwar über reichlich Erfahrung verfügt, aber nicht über Spielpraxis. 123 Bundesligaminuten lang war Ochs die Nummer eins, dann rissen ein paar Muskelfasern im Oberschenkel und der frisch demontierte Burchert musste wieder ran.

In den kommenden zwei Wochen pausiert die Bundesliga. Jaroslav Drobny arbeitet Tag für Tag hart an seinem Comeback, aber niemand weiß, ob es reicht für das nächste Spiel, wenn der Letzte Hertha beim Vorletzten Nürnberg anzutreten hat. Friedhelm Funkel steht vor arbeitsintensiven, aber weitgehend nutzlosen Tagen. Es ist nicht leicht, einer neuen Mannschaft einen neuen Stil zu vermitteln, wenn zwölf Profis auf Länderspielreisen sind, darunter Führungsspieler wie Arne Friedrich, Steve von Bergen und Gojko Kacar. Alles halb so schlimm, findet Funkel, „dabei können sie sich ein bisschen Selbstvertrauen holen. Vielleicht qualifizieren sich ein paar für die WM: Arne mit Deutschland, Steve mit der Schweiz und Gojko mit Serbien.“

Ob er wirklich daran glaubt in diesen Tagen, da Hertha ein zwiespältiges Verhältnis zum Glück pflegt? Wahrscheinlicher ist, dass Friedrich sich am Knie verletzt, von Bergen an der Wade und Kacar am Oberschenkel. Und dass Murphy’s Law umgetauft wird in Hertha’s Law: Was schiefgehen kann, geht schief.

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