Sport : Torwart zum Anlehnen

Oliver Kahn demonstriert erneut sein Selbstbewusstsein und bietet sich als Stütze für die Talente an

Stefan Hermanns[Dortm]

Man sollte Oliver Kahn wirklich nicht unterschätzen. Man sollte zum Beispiel von Oliver Kahn nicht annehmen, dass er sich öffentlich lobt – und gar nicht bemerkt, dass er sich lobt. Oliver Kahn, der Torhüter des FC Bayern München und der Fußball-Nationalmannschaft, wurde gestern danach gefragt, wie wichtig Christoph Metzelder für die junge deutsche Abwehr ist. Metzelder ist 25, nach einer ausgedehnten Verletzungspause geht er seinem Beruf inzwischen wenigstens wieder einigermaßen regelmäßig nach, zuletzt jedoch hat er seinen Stammplatz bei Borussia Dortmund an einen gewissen Markus Brzenska verloren. „Junge Spieler brauchen Leute, an die sie sich lehnen können“, sagte Kahn. An jemanden wie Metzelder, der selbst genug Probleme mit sich herumschleppt? Wahrscheinlich meinte Kahn zum Anlehnen doch eher jemanden wie – Oliver Kahn.

Der Routinier hat auch gestern wieder in der so genannten Torwartfrage ausführlich Stellung nehmen müssen – und dabei die Gelegenheit genutzt, kurz vor der endgültigen Entscheidung noch einmal sein Selbstbewusstsein zu dokumentieren. Verwerflich ist das nicht: Sein Herausforderer Jens Lehmann hält es in ähnlichen Situationen genauso. Seit Bundestrainer Jürgen Klinsmann im August 2004 den Konkurrenzkampf der Torhüter ausgerufen hat, lassen sich sämtliche Einlassungen der Kombattanten auf die simple Aussage reduzieren: „Ich gehe davon aus, dass ich im Tor stehe.“ Dieses Mantra hat Kahn auch gestern wieder in verschiedenen Variationen vorgetragen: „Die Dinge haben sich überhaupt nicht geändert.“ Oder: „Ich habe keinen Grund, auch nur an irgendetwas zu zweifeln.“ Nicht an sich. Und auch nicht an den Aussagen des Bundestrainers, der den Münchner als Nummer eins führt. „Das wurde mir vor kurzem noch mal gesagt“, berichtete Kahn.

Mit dem heutigen Länderspiel gegen die USA und dem Einsatz von Kahn endet das öffentliche Vorsingen, anschließend wird sich die Jury zur Entscheidung zurückziehen. „In den nächsten Tagen werden wir uns zusammensetzen und sehen: Wie waren die zwei Jahre?“, sagt Joachim Löw, Klinsmanns Assistent. Mit der Exegese in Sachen Torwartstreit könnte sich inzwischen ein eigener Berufsstand beschäftigen, so undurchsichtig ist die Angelegenheit geworden. Selbst der Zeitpunkt der Verkündung wird inzwischen als Hinweis auf das Ergebnis (früh gleich Kahn, spät gleich Lehmann) gedeutet. Aber was hilft das, wenn Klinsmann vage bleibt: „Wir behalten uns vor zu entscheiden, welches Datum das richtige ist.“

Sicher ist nur, dass die Entscheidung vor dem Ende der Bundesligasaison fällt, damit dem Unterlegenen Zeit für eine entsprechende Reaktion bleibt. Kahns Münchner Kollege Michael Ballack rechnet „mit keinen großen Überraschungen“. In der überaus sensiblen Diskussion kommt diese Aussage schon einem recht vehementen Beitrag für den Amtsinhaber Kahn gleich. Doch genauso wenig wie das Publikum besitzt auch der Kapitän der Nationalmannschaft ein Mitspracherecht. „So viel Kompetenz habe ich dann auch nicht“, sagt er.

Klinsmann, der in der Torwartfrage Richtlinienkompetenz besitzt, gilt zumindest latent als Anhänger Lehmanns. Dessen Spiel fügt sich besser in die offensive Philosophie des Bundestrainers. Mit einer Entscheidung gegen Kahn würde Klinsmann die geballte Medienmacht gegen sich aufbringen, dazu die mächtige Bayern-Lobby und möglicherweise auch Kahns Heimpublikum beim WM-Eröffnungsspiel in Münchens Allianz-Arena.

Lehmann selbst hat die mangelnde Unterstützung für sich immer damit begründet, dass seine Leistungen beim FC Arsenal in Deutschland kaum registriert würden. Doch diesen Standortnachteil hat er vor zwei Wochen weitgehend aus der Welt geschaffen. Dank seiner überragenden Leistung gegen Real Madrid haben die Londoner im Europapokal das Viertelfinale erreicht. Bis auf weiteres firmiert Lehmann jetzt als „der letzte Deutsche in der Champions League“. Am Montagabend hat Lehmann mit Andreas Köpke, dem Torwarttrainer der Nationalmannschaft, nach der allgemeinen Einheit noch eine Stunde zusätzlich in der „Kleinen Kampfbahn“ am Düsseldorfer Rheinstadion trainiert. Müsste er sich das antun, wenn er wüsste, dass er ohnehin keine Chance mehr hat? Oliver Kahn würde das natürlich ganz anders sehen.

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