Sport : Tote Fische und rostige Nägel

Die Freiwasser-Schwimmer fordern vernünftige Wettkampf-Bedingungen

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Vorsicht, Hindernisse im Wasser. Freiwasser-Schwimmer wie der Weltmeister Thomas Lurz müssen im Wettkampf mit unliebsamen Überraschungen rechnen. Foto: AFP Foto: AFP
Vorsicht, Hindernisse im Wasser. Freiwasser-Schwimmer wie der Weltmeister Thomas Lurz müssen im Wettkampf mit unliebsamen...Foto: AFP

Berlin - Okay, da waren halt die toten Fische und die toten Schildkröten und die Gummistücke, das alles registrierte er im Wasser, aber was soll’s? Alles kein Problem für Thomas Lurz. Freiwasser-Schwimmer sind hart im Nehmen. Lurz, Weltmeister über fünf und zehn Kilometer, hatte eigentlich gedacht, dass er alles durch hat. Fäkalien, Müll, alles schwappte ihm schon entgegen.

Aber dann stand er am Strand von Santos/Brasilien. Es war April, er hatte gerade den Weltcup über zehn Kilometer gewonnen, er starrte aufs Meer, zu dem 2,5-Kilometer-Rundkurs. Und dann?

„Dann war ich schockiert.“

Auf den Wellen schaukelten Holzpaletten mit rostigen Nägeln, genau auf dem Rundkurs. Im Wasser hatte Lurz sie nicht gesehen, mit viel Pech hätte der Würzburger sie aber gespürt. „Was wäre denn passiert, wenn man beim Kraulzug plötzlich in die Nägel gegriffen hätte?“ Dann hätte es bis zur Blutvergiftung gehen können.

Lurz und seine Kollegen haben jetzt endgültig genug. Sie wollen neue Regeln, sie haben beim Weltverband Fina Änderungen beantragt. Es geht um ihre Gesundheit. „Es geht aber auch um Respekt vor unseren Leistungen“, sagt der 31-Jährige. Die Fina muss sich jetzt mit den Forderungen beschäftigen. Am Samstag findet in Portugal der nächste Weltcup statt, bis dahin wird freilich noch nichts passieren.

Aber es muss etwas passieren, das sagt Thomas Lurz, das sagt auch sein Bruder Stefan, der Freiwasser-Bundestrainer. „Teilweise sind die Bedingungen katastrophal“, sagt Stefan Lurz. Unterkünfte, Verpflegung, Fahrten, alles Härtetests für Masochisten. „Wir verlangen ja keine Top-Hotels“, sagt Thomas Lurz, „aber eine menschenwürdige Unterkunft.“

Ein sieben Quadratmeter großes Zimmer in einer Jugendherberge mit Stockbett, das empfand er als absolut nicht angemessen. Diese Unterkunft hatte der Veranstalter des Weltcups von New York für die Athleten organisiert. Auch für die Vorbereitung auf den Marathon im Meer hatte er Überschaubares gefunden: einen Hotel-Pool. Lurz lehnte zumindest das Stockbett dankend ab. Er zog ins Hotel, auf eigene Kosten natürlich.

Die Freiwasser-Stars wollen keine endlosen Busfahrten mehr, kein Rätselraten über den Wettkampfort, sie starten im Weltcup, das soll man bitte auch spüren. „Ich mache gerne Abenteuerurlaub“, sagt Lurz, „aber nicht beim Wettbewerb.“

Sieben Mal ist er beim „Weltcup von Dubai“ gestartet, tatsächlich schwamm er dort nur zweimal. Die anderen Weltcups fanden in einem anderen Emirat statt. Die Athleten erreichten Start und Ziel von Dubai aus nach mehrstündigen Busfahrten durch die Wüste. Wo er schwimmt, erfährt er kurzfristig. „Der Veranstalter sagt, es hängt davon ab, welcher Scheich gerade sponsert“, erzählt Thomas Lurz. „Aber ich plane doch keinen Weltcup, wenn ich nicht frühzeitig weiß, wo er stattfindet.“ In Kanada zuckeln die Athleten sechs Stunden durch die Wildnis, bis sie am Wasser sind.

Bis Francis Crippen im Oktober 2010 in 33 Grad warmen Wasser nach einem Hitzschlag ertrunken ist, gab es nicht mal eine Obergrenze bei der Wassertemperatur. Der US-Amerikaner starb unbemerkt beim Weltcup in Fudschaira (Vereinigte Arabische Emirate). Seitdem wurden immerhin die Sicherheitsmaßnahmen drastisch verbessert, bei mehr als 31 Grad Wassertemperatur sind Starts nun verboten. „Aber schon 30 Grad sind die Hölle“, sagt Thomas Lurz. Die Finger sind geschwollen, ein normales Renntempo ist unmöglich. Und die Sonne brennt auf Kopf und Körper. Die Freiwasser-Stars fordern jetzt vernünftige Limits bei den Wassertemperaturen.

Aber vor der Schwimm-WM im Juli, bei der auch Freiwasser-Titel vergeben werden, wird sich in dem Punkt nichts tun. Das befürchtet jedenfalls Stefan Lurz. „Die Fina hat doch Angst, dass es ein paar Tage lang zu heiß ist und dann wegen verschobener Rennen der Zeitplan durcheinander kommen würde.“

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