Sport : Touchdown? Field Goal?

Der Sieg des deutschen Rugby-Teams gegen die Ukraine zieht Laien und Fachkundige an – zum Beispiel Australier mit Heimweh. Ein Ortstermin.

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Berlin - Aus der Ferne lärmen die Sirenen. Sie sind die Vorboten der Helfer. Auf der Straße, Nonnendammallee Ecke Rohrdamm, liegt ein Motorradfahrer. Mit seiner Maschine ist er in ein Auto gefahren, die ramponierten Fahrzeuge stehen mitten auf der Kreuzung. Autos drängeln sich vorbei, und stoppen erst, als Polizei und Rettungswagen eintreffen. Die Beamten riegeln alles ab, niemand kommt mehr durch. Als die Sperre Gewissheit wird und auch der nahende Bus stoppen muss, setzt sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Gruppe junger Männer in Bewegung. Zügig laufen sie los. „Let’s go, the game is starting now“, ruft einer. Aus zügig wird bald ein Sprint über gut einen Kilometer.

Wer an diesem Sonnabend zu spät eintrifft auf dem Sportplatz an der Buolstraße, den bestraft die deutsche Rugby-Nationalmannschaft. Zum Auftakt der Europameisterschafts-Saison spielt sie hier gegen die Ukraine und weil beide Teams in der drittklassigen Division 1B zu den Favoriten gehören, haben sie es besonders eilig. Schon nach wenigen Minuten kommt Deutschland zu ersten Punkten. Die jungen Männer schaffen es gerade noch rechtzeitig, den erfolgreichen Versuch erleben sie von der Tribüne aus. Einer keucht: „Damn luck“.

Sie kommen aus Australien, studieren in Berlin und ergreifen jede Gelegenheit, hier Rugby zu sehen. Im Gegensatz zu ihrer Heimat spielt die Sportart in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle.

Deshalb freuen sich die Organisatoren, dass es trotz kalter Temperaturen gut 1200 Zuschauer auf die Sportanlage des SC Siemensstadt verschlagen hat. Deutschlands Rugby-Hochburg ist Heidelberg. In Berlin gibt es immerhin sieben Vereine, in denen organisiert Rugby gespielt wird. Das sind der SC Siemensstadt, SC Berlin, Rugby Klub 03, Berlin Grizzlies, BSV 92, Berliner SC und der Berliner Rugby Club. Viele von den Aktiven befinden sich auf den Rängen.

Das Publikum ist bunt gemischt, genau wie die Australier Jason, Mike, Ron und Ray sind dazu viele Leute aus dem englischsprachigen Kulturkreis gekommen. „Einfach, um ein Spiel zu sehen und etwas Heimatfeeling zu haben“, sagt Ron. Der Rest der Zuschauer ist nicht so fachkundig wie er oder die Aktiven. Als Deutschland kurz nach dem ersten gelegten Versuch wieder punktet, fragt jemand: „War das jetzt ein Touchdown oder ein Field Goal“? Weder noch. Field Goal und Touchdown gehören zum American Football. Beide Sportarten sind extrem körperbetont, ansonsten aber gibt es mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten.

Ähnlich durchmischt wie das Publikum ist auch das deutsche Team. Fünf der fünfzehn Feldspieler stammen aus Neuseeland, Südafrika oder Australien. Beim Rugby sind die Einbürgerungsregeln nicht streng, wer drei Jahre hier spielt, darf automatisch auch im Nationalteam mitmachen. Mit den Legionären dominiert Deutschland die favorisierten Ukrainer. Zwischenzeitlich führt man 21:0, am Ende heißt es 46:28. Ein wichtiger Sieg, zumal es nächste Woche nach Danzig zu den starken Polen geht. Die anderen Gegner sind Moldawien, Schweden und Tschechien. Nur der Gruppensieger steigt in die nächsthöhere Division auf.

Direkt nach dem Spiel kommt Kapitän Alexander Widiker zur Pressekonferenz. Auf seinem Trikot sind Blutflecken, dazu hält er sich einen großen Eisbeutel an die Lippen. „Hab eine drauf gekriegt, aber das gehört dazu“, sagt er. Widiker hat gegen die Ukraine sein 51. Länderspiel bestritten und ist damit zum Rekordnationalspieler aufgestiegen.

Während er redet, machen sich draußen Jason, Mike, Ron, Ray und die anderen Zuschauer auf den Weg nach Hause. Sie laufen den Rohrdamm hinunter bis zur Ecke Nonnendammallee. Dort, wo ein Motorrad verlassen auf seinen Besitzer wartet. Sebastian Stier

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