Sport : Tour Américaine

Immer mehr US-Teams drängen in den Radsport

Tom Mustroph[Mende]

Die Tour de France wird amerikanisch. Und das trotz des bevorstehenden Adieu von Lance Armstrong. Gleich vier US-Teams sind auf Frankreichs Straßen unterwegs. Die gleiche Anzahl stellt ansonsten nur das Gastgeberland. Pyrenäenanrainer Spanien ist mit drei, Italien und Belgien mit zwei, andere Länder mit jeweils nur einer Mannschaft vertreten.

Zwar sind lediglich Armstrongs Team Radioshack und der von seinem früheren Helfer Jonathan Vaughters gegründete Rennstall Garmin-Transitions auch von der sportlichen Besetzung her amerikanisch geprägt. Bei Team Columbia etwa fährt kein einziger US-Amerikaner, bei BMC Racing nur George Hincapie. Aber das Geld kommt aus Amerika.

Der kalifornische Telekommunikationsunternehmer Bob Stapleton, der T-Mobile internationalisiert und vom Freiburger Blutkanal abgehängt hat, hält das Engagement der US-Sponsoren für eine logische Entwicklung. „Radsport ist in den USA bei wichtigen Zielgruppen sehr beliebt. Junge, gut ausgebildete Leute mit aktivem Lebensstil betreiben diesen Sport. Es handelt sich dabei sowohl um Entscheider als auch um potenzielle Konsumenten von Hochtechnologie“, sagt er. In HTC, Garmin und Radioshack geben tatsächlich IT-Unternehmen den Ton an. Radhersteller BMC und Sportbekleidungsproduzent Columbia sind direkt im Sport verankert. Der Schweizer Andy Rihs, der seine mit Hörgeräten verdienten Millionen in das ebenfalls in Kalifornien beheimatete Team BMC steckt, stimmt Stapleton zu. „Radsport hat Golf als Trendsportart abgelöst“, glaubt er.

Dies ist die zweite Welle des Radsports. Sie ist den Anfängen auf dem alten Kontinent entgegengesetzt. „In Europa war Radsport ursprünglich ein Sport für Arbeiter“, sagt der frühere italienische Sprintstar Mario Cipollini.

Stapleton hält den Oberschicht-Radsport made in USA für „naturverbunden und gesundheitsbewusst“. Pillen einwerfen sei dort eher verpönt, versichert er. Im europäischen Profiradsport hingegen gehören die Mittel zur Vermeidung von Schmerz und Hinauszögern von Erschöpfung zu den Gründungselementen.

Wenn der aus den unteren Schichten stammende Texaner Lance Armstrong, dem sein Ex-Kollege Floyd Landis einen heftigen Hang zur Pharmazie nachsagt, abtritt, befürchtet Stapleton keinen signifikanten Rückgang des Interesses. Im Gegenteil. „Es gibt eine ganze Menge Leute, die dann aufatmen“, sagt er. Stapleton hält den Radsport inzwischen für so verwurzelt, dass eher noch mehr amerikanische Sponsoren auf den Plan treten werden.

Gemäß diesem Trend vergrößert zum Beispiel US-Sponsor Sungard seinen Einsatz beim Rennstall von Bjarne Riis. Branchengerüchten zufolge stammt auch der neue Titelsponsor des Dänen aus den USA. Die Tour de France ist auf dem Weg zu einer Tour Américaine.

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