Tour de France 1999 : Armstrong war angeblich gedopt

Wenige Wochen nach seinem Rücktritt sind die großen Erfolge von Radprofi Lance Armstrong wieder ins Zwielicht geraten. Der siebenmalige Tour-de-France-Sieger wies erneute Doping-Vorwürfe als "puren Skandaljournalismus" zurück.

Paris/Bonn (23.08.2005, 17:03 Uhr) - Die französische Sportzeitung «L'Equipe» berichtete unter dem Titel «Armstrongs Lüge» am Dienstag, das vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannte französische Doping-Labor Châtenay-Malabry bei Paris habe 2004 in sechs Urinproben des 33-Jährigen von 1999 Spuren des Blutdopingmittels Erythropoietin (EPO)nachgewiesen. Der Amerikaner hatte sich bereits am Tag vor der Veröffentlichung auf seiner Homepage («www.lancearmstrong.com») zu Wort gemeldet und den Bericht als Fortsetzung einer «Hexenjagd» bezeichnet.

«Ich werde nur wiederholen, was ich schon so viele Male gesagt habe: Ich habe niemals leistungsfördernde Substanzen genommen», hieß es weiter auf der Armstrong-Seite. Grundlage der Anschuldigungen in der «L'Equipe» ist die Veröffentlichung einer Kopie nachträglicher Analysen von eingefrorenen Urin-Proben Armstrongs aus dem Jahr 1999, in dem der Texaner seinen ersten Tour-Triumph feierte.

Jan Ullrich wollte sich nicht an den Spekulationen über seinen früheren Dauerrivalen Armstrong beteiligen. «Er ist der Größte seiner Zeit», sagte der T-Mobile-Kapitän nach Abschluss der Deutschland-Tour am Dienstag in Bonn, «vielleicht will man ihm jetzt wieder etwas anhängen.» Wenn es so wäre, «dann wäre ich natürlich enttäuscht», aber das Ganze sei sechs Jahre her und «sehr spekulativ». Ullrich musste bei der Tour de France 1999 wegen noch nicht auskurierter Sturzverletzungen auf einen Start verzichten.

Hein Verbruggen, der Präsident des Internationalen Radsport-Verbandes UCI, forderte die vollständige Aufklärung. Erst dann könne man entscheiden, «ob es rechtliche Schritte geben sollte und ob dies ein weiterer Schlag für den Radsport» sei. Derzeit seien in den Fall lediglich Armstrong und Frankreich involviert.

Der bei der Deutschland-Tour als Jury-Präsident fungierende UCI-Funktionär Martin Bruin hält juristische Schritte gegen Armstrong für unwahrscheinlich. «Ich rechne nicht mit rechtlichen Konsequenzen», sagte der Niederländer am Dienstag in Bonn. «Die A-Probe, die damals genommen wurde, war negativ, die jetzt nachuntersuchte B-Probe positiv.» Ohne gültige Gegenprobe seien juristische Schritte gegen einen Sportler nicht möglich, erklärte Bruin.

Auch deutsche Doping-Experten bezweifeln Konsequenzen für Armstrong. «Die Frage ist zuerst einmal, ob die Tests rechtskräftig genug sind, um zu einer Anklage zu führen», sagte der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), Roland Augustin, der dpa. «Was man hier juristisch machen kann, muss vielleicht die WADA klären», forderte Wilhelm Schänzer, der Chef des vom IOC akkreditierten Dopingkontrolllabors am Biochemischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln, Aktivitäten von der Welt-Anti-Doping-Agentur.

«Es gibt keinerlei Zweifel an der Gültigkeit der Test-Ergebnisse», sagte Jacques de Ceaurriz, der Direktor des Labors Châtenay-Malabry. Allerdings seien die Proben «im Rahmen wissenschaftlicher Forschung» anonym ausgewertet worden. Es sei nicht um einen bestimmten Fahrer gegangen. Augustin kritisierte diese Vorgehensweise: «Wenn man nur wissenschaftliche Forschungsarbeit gemacht hat, gehören die Ergebnisse nicht in die Medien, und man sollte eine genaue Kenntnis der Rechtslage in den USA haben, bevor man sie öffentlich macht.»

1999 war die Methode, EPO im Urin nachzuweisen, noch nicht entwickelt. Das seit 1988 gentechnisch hergestellte und vor allem bei Ausdauer-Leistern eingesetzte Mittel erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen, so dass das Blut mehr Sauerstoff aufnimmt. EPO steht schon seit 1990 auf der IOC-Liste der verbotenen Substanzen; Kontrollen wurden aber erst bei den Olympischen Spielen des Jahres 2000 in Sydney und der Tour de France im folgenden Jahr eingeführt.

«Wir sind nach diesen Enthüllungen sehr besorgt, sehr geschockt», meinte Tour-de-France-Direktor Jean-Marie Leblanc in einer ersten Reaktion. Die Affäre habe «schwerwiegende Auswirkungen» für die Tour und zeige, «dass der Kampf gegen Doping im Radsport und in anderen Sportarten seine Zeit braucht».

Der Amerikaner Levi Leipheimer, der am Dienstag die Deutschland-Tour gewann sowie 2000 und 2001 im Armstrong-Team US-Postal fuhr, hatte schon vor der Schlussetappe erklärt: «Ich bin nicht Lance, das interessiert mich nicht.»

In Frankreich herrschte Bestürzung. «Das ist ein Donnerschlag», sagte der Sportmanager des Rennstalls Cofidis, Eric Boyer und kritisierte zugleich den Radsport-Weltverband UCI. «Die Journalisten haben ihre Arbeit getan, doch finde ich es wirklich schade, dass der Internationale Radverband nicht nachträglich die Mittel einsetzt, die ihm zur Verfügung stehen.» Der 69 Jahre alte frühere französische Rad-Champion Raymond Poulidor sprach von einer «betrüblichen Sache. Als einziges kann man dazu festhalten, dass er es wie die anderen gemacht hat». (Von Michael Becker und Hans-Jochen Kaffsack, dpa)

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