Tour de France : Als wäre Doping nie passiert

London feiert beim Prolog der Tour de France die Radprofis als Helden und als Vorbilder für Olympia 2012. Das Thema Doping wird in England nur am Rande behandelt.

Markus Hesselmann[London]
Tour Prolog
England bejubelt die Tour de France. Den Prolog gewann der Schweizer Fabian Cancellara. -Foto: AFP

Der Held der Tour de France ist Lance Armstrong – zumindest für die Marketingstrategen, die den Start 2007 in London organisieren. Sein Bild strahlt von der Großbildleinwand auf dem Trafalgar Square. Jubel brandet auf, als sein Name genannt wird. Zehntausende Zuschauer sind zur Eröffnungszeremonie am Freitagabend gekommen. Wenn sie die kostenlos verteilten Programmhefte der Londoner Veranstalter aufschlagen, schaut ihnen Armstrong auf den ersten beiden Seiten voll konzentriert in die Augen. Im Gelben Trikot, auf dem Rad, im Kampf um den Sieg.

„Die Tour ist das härteste Sportereignis der Welt“, sagt Armstrong in einer gelben Sprechblase. „Man braucht ein starkes Team, harte Arbeit und volle Konzentration das ganze Jahr über, um Paris im Gelben Trikot zu erreichen.“ Was man vielleicht noch so braucht, steht da nicht. Von den gut begründeten Betrugsvorwürfen gegen den siebenmaligen Tour-Sieger ist in dem Hochglanzheft nirgends die Rede. Doping kommt nicht vor. Kein Wort zu den Enthüllungen und Bekenntnissen der vergangenen Wochen. London feiert die Tour, als ob Doping nie passiert wäre. Auch der geständige Täter Erik Zabel wird bejubelt, als er mit seinem Team Milram auf der Bühne erscheint. „Es gibt keinen Zweifel, dass der Tour-Sieger der größte Radfahrer der Welt ist“, ruft die Moderatorin. „Und jetzt kommen diese Helden nach London.“ Floyd Landis, des Dopings überführter Vorjahressieger, ist nicht in London am Start. Abdanken musste dieser Held.

„Eine der großartigsten Städte der Welt ist Gastgeber des großartigsten Radrennens“, dröhnt es aus den Boxentürmen zu Füßen Lord Nelsons. Das größte, großartigste, allerriesiggigantischste – in einem Land, das das Wort „great“ nicht erst seit der Schlacht von Trafalgar im Namen trägt, macht man es ungern darunter. „Die ganze Stadt ist stolz“, sagt Londons Bürgermeister Ken Livingstone. Als er einige Tage zuvor von britischen Journalisten mit der Dopingproblematik konfrontiert wurde, hatte er die Standardantwort auf Lager, die das Ausmaß des Betrugs jahrelang verharmloste: „In jedem Beruf gibt es einige wenige Leute, die das Gesamtbild entstellen.“ Das beeinträchtige den Reiz dieses Sports nicht. Der ökologisch korrekte Lokalpolitiker will sich seine Werbekampagne für das Radfahren in London nicht kaputt machen lassen. Überall in der Stadt hängen Werbeplakate für die Tour und die Fahrradstadt London.

Die Tour de France soll die vom chronisch überlasteten Londoner Verkehrsnetz geplagten Städter dazu bewegen, aufs Rad umzusteigen. „Die Tour inspiriert eine Generation junger Menschen“, sagt Livingstone. „Sie werden sich sagen: Das ist etwas, was ich auch machen will.“ Livingstone meint sowohl das Radfahren im Straßenverkehr als auch die Produktion von Medaillen mit Blick auf die Radwettbewerbe bei den Olympischen Spielen von London 2012. Der Tour-Start fügt sich in die Imagekampagne zu Olympia ein. Vor genau zwei Jahren bekam London die Spiele 2012 zugesprochen. Die Tour 2007 ist ein Test, wie die Stadt mit Großveranstaltungen, bei denen neben den alltäglichen Touristenmassen noch Hunderttausende Menschen mehr auf den Beinen sind, umgehen kann. Ein Test unter harten Bedingungen. Denn gleichzeitig zum Prolog (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe beendet) auf einem Rundkurs zwischen Whitehall und Hyde Park fanden gestern das Frauenfinale beim Tennisturnier von Wimbledon und das Live-Earth-Konzert im neuen Wembley-Stadion statt. „An diesem Wochenende will London lernen“, sagt Livingstone ungewöhnlich bescheiden.

Rund zehn Millionen Euro hat sich die Stadt die zwei Tage mit dem Prolog und der heutigen ersten Etappe von Greenwich nach Canterbury kosten lassen. In den britischen Medien gibt es gleichzeitig Kritik, dass zu wenig Geld in die Förderung des Jugendsports fließt – nicht zuletzt auch mit Blick auf die Spiele 2012. Ein paar Kilometer weiter östlich vom Trafalgar Square, in den Royal Victoria Docks an der Themse, hat die Tour de France ihr Londoner Hauptquartier aufgeschlagen. Rund um den unvermeidlichen roten Doppeldeckerbus und neben den üblichen französischen Werbeständen präsentiert sich die britische Hauptstadt als Reiseziel. Auf 170 Millionen Euro taxiert Livingstone den Wert der Tour durch erwartete Mehreinnahmen im Tourismus. Frage am Pressestand der Standortstrategen von „Visit London“: „Wer könnte wohl etwas dazu sagen, ob die Dopingskandale ein Problem für das London-Marketing sind?“ – „Da sprechen Sie bitte mit unseren Kollegen von der sportlichen Leitung nebenan.“ – „Nein nein, Entschuldigung, es geht ja ums Marketing. ,Visit London‘ und so.“ – „Bitte lassen Sie Ihre Telefonnummer da, wir rufen zurück.“ Tatsächlich ruft bald jemand an. Kathryn Smith ist Sprecherin von „Visit London“. Die Tour sei ein „great showcase“ für die Hauptstadt, sagt die PR-Managerin. Wird das Vorzeigeprojekt vom Doping beschädigt? „Die Fahrer wurden doch aufgefordert, eine Deklaration gegen Doping zu unterschreiben.“ Warum geht man dann nicht offensiver mit dem Thema um, macht daraus eine Kampagne für sauberen Sport? „Das ist nicht unser Job“, sagt Kathryn Smith.

Auf dem Trafalgar Square geht dann doch noch einer zumindest indirekt auf die Probleme seines Sports ein: „Wir möchten ein besseres Bild bieten nach all den Problemen zuletzt“, sagt der britische Radprofi Bradley Wiggins. Hoffentlich ist er selbst sauber.

Die erste Etappe führt heute von London nach Canterbury (203 km).

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