Tour de France : Als wäre nichts gewesen

Der Radsport reagiert auf die Entscheidung von ARD und ZDF irritiert. Der Boykott der Tour durch die öffentlich-rechtlichen Medien löst bei den Teams im Radsport nur Unverständnis aus.

Sebastian Moll[Marseille]

Jean-Claude Godin ist bester Dinge am gestrigen Hochsommervormittag. Zusammen mit Tour-de- France-Direktor Christian Prudhomme steht der Bürgermeister von Marseille auf einer Bühne im Parc Cadot, unweit des alten Hafens der Mittelmeerstadt, und genießt die Festtagsstimmung zum Start der 11. Etappe. „Wir haben die Begeisterung der Menschen in London gesehen“, ruft er stolz den sich drängelnden Fans entgegen. „Ich glaube, wir übertreffen das noch.“ Prudhomme nickt dazu mit dem Kopf und strahlt. Sollte er sich wegen des Dopingfalls Sinkewitz und des Boykotts des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Deutschland gegrämt haben, so hat er dies spätestens jetzt vergessen.

Die Tour de France rollt weiter, die Probleme des größten deutschen Rennstalls und die Empfindlichkeiten des deutschen Fernsehens werden bestenfalls am Rande wahrgenommen. Maurice Pleury etwa, ein rüstiger Marseillais, der behauptet „seit 70 Jahren“ Radsportfan zu sein, lässt sich seinen Tour-Spaß nicht vermiesen. Doping habe es doch schon immer gegeben sagt er, früher, als er noch selbst Radrennen fuhr, sei es sogar noch viel schlimmer gewesen. Deshalb findet er die Entscheidung des deutschen Fernsehen „idiotisch“. Mehr will er nicht sagen, denn jetzt kommen die Fahrer, und er will seine Stars aus der Nähe sehen.

Im Tour-Village, dem reisenden Zeltdorf und täglichen Frühstückstreffpunkt für den Tour-Tross, sitzt Richard Virenque am Stand der Supermarktkette Champion, eines der Tour-Sponsoren. Der frühere französische Radsport-Heros sowie geständige Dopingsünder hat die Zeitungen des Tages vor sich ausgebreitet und kommentiert die Schlagzeilen in ein Fernsehmikrofon. „Überraschend und paradox“ findet er die Reaktion des deutschen Fernsehens auf den Fall Sinkewitz. Wenn sie den Radsport schneiden, so der ehemalige Bergkönig der Tour und Ullrich-Herausforderer, müssten sie auch alle anderen Sportarten ausblenden.

Solches Unverständnis teilt Virenque mit der großen Mehrheit der Tour-Familie. Der Präsident der Tour-Holding Gesellschaft Aso, Patrice Clerc, hatte der Sportzeitung L’Equipe, die ebenfalls seiner Firma gehört, gesagt, dass er nicht nachvollziehen könne, warum die Sender seine Veranstaltung für den Fall Sinkewitz bestrafen. „Wenn am Eingang von einem Fussballstadion Leute mit Waffen erwischt werden, bestraft man ja auch nicht Veranstalter des Spiels dafür.“

Der Reporter einer großen französischen Nachrichtenagentur, der anonym bleiben will, glaubt gar, dass die Entscheidung von ARD und ZDF dem Radsport mehr schade als nutze. „Am meisten tut das doch Gerolsteiner und T-Mobile weh“, sagt der langjährige Radsportkorrespondent. „Und das sind die Mannschaften, die am meisten gegen das Doping tun.“

Es ist bald Mittag im Parc Cadot, die Sonne brennt. Die Werbekarawane ist gerade in Richtung des Etappenziels Montpellier losgerollt, die Mannschaftsbusse trudeln ein und nehmen ihren Platz auf dem Startgelände ein. Kinder drängen sich an die Absperrungen, um von ihren Lieblingsradlern Autogramme zu bekommen. Mechaniker entladen die Rennmaschinen und nehmen letzte Einstellungen an den Sportgeräten vor. Auch hier ist man sich einig, dass der Ausstieg der deutschen Fernsehsender völlig unangemessen war. „Niemandem gefällt ein positiver Dopingfall“, sagt etwa Patrik Lefereve, der Direktor der Quick Step-Mannschaft und Vorsitzende der Profi-Team Vereinigung. „Aber wir geben viel Geld für den Kampf gegen Doping aus. Und wenn wir Erfolg haben, laufen die Fernsehsender weg. Das ergibt keinen Sinn.“ Nebenan, beim spanischen Team Caisse d’Epargne, das den Puerto-Verdächtigen Alejandor Valverde unter Vertrag hat, meidet man das Thema lieber. Mannschaftleiter Jose-Miguel Echavarri enthält sich höflich eines Kommentars. Die umstehenden spanischen Reporter fühlen sich jedoch in ihrem gerade intensiv werdenden Sportfachgespräch gestört und meckern darüber, dass da schon wieder einer das lästige Dopingthema anbringt.

Bei den deutschen Kollegen vom Team Gerolsteiner ruft die Entscheidung der Sendeanstalt Verwunderung hervor: „Die legen ihre Ethiklatte irgendwo an. Ich bin mal gespannt ob sie das durchhalten“, nörgelt Gerolsteiner-Chef Hans Michael Holczer. Richtig wütend ist der Teamchef aber nicht auf das Fernsehen, sondern auf Patrik Sinkewitz. „Wenn er wirklich bewusst manipuliert hat, dann ist das angesichts der Lage des deutschen Radsports eine unglaubliche Dreistigkeit.“ Wenn die Vereinigung der Profi-Mannschaften Sinkewitz für den Schaden, den er dem Sport zugefügt hat, nicht belange, so Holczer, dann werde er das persönlich tun.

Langsam wird die Stimme des Streckensprechers lauter und aufgeregter, der Start rückt näher. Die Fahrer nehmen Aufstellung. Ein ganz normaler Arbeitstag bei der Tour de France beginnt.

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