Tour de France : Chris Froome gewinnt an Profil - dank seiner Stürze

Der britische Toursieger Chris Froome hat mit seinen Leiden viele neue Fans gewinnen können - und die Tour spannender gemacht.

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Zum dritten Mal gewann Chris Froome die Tour de France.
Zum dritten Mal gewann Chris Froome die Tour de France.Foto: REUTERS

Er schlingert, er stürzt, er steht wieder auf. Manchmal läuft er auch oder fährt auf einem fremden Rad einen Anstieg hoch. Sieger Chris Froome sorgte bei der 103. Tour de France für ganz besondere Bilder. Geplant war das natürlich alles nicht, selbst wenn die Sky-Truppe sich in diesem Jahr vom Image der drögen Wattradler zu befreien versuchte. Deshalb erweiterte der Brite die Palette seiner taktischen Möglichkeiten auch um Bergabfahren und Windkantenattacken. Vom Rad zu fallen, gehörte allerdings nicht zu den Innovationen. „Sicher durch die drei Wochen kommen“ – das hatte Chris Froome zu Beginn der Tour als wichtigste Voraussetzung der Titelverteidigung genannt.

Im Grunde hat Froome nur bei den Stürzen gepatzt. Beim Unfall am Mont Ventoux rechnete er nicht damit, dass ein Begleitmotorrad vor einer Zuschauermeute anhalten würde. Im Lager von Sky nahm man den Crash und den anschließenden Dauerlauf mit Humor.

Froome war selbst Auslöser eines Sturzes

„Wir überlegen, ob wir Chris demnächst beim Marathon in Paris anmelden“, sagte Teamchef David Brailsford. Im Massiv des Mont Blanc war Froome selbst Auslöser des Sturzes. „Ich bin über eine weiße Fahrbahnmarkierung gefahren. Mein Vorderrad rutschte weg. Und dann lag ich“, schilderte er den entscheidenden Moment. Sein Fall löste weitere Stürze aus. „Ich sah, dass Froome aus der Balance geriet. Ich bremste. Dann blockierte mein Vorderrad und ich lag auch“, erzählte der unmittelbar hinter Froome fahrende Astana-Kapitän Vincenzo Nibali. Ein ehemaliger Toursieger löst den Crash eines anderen aus – auch das erlebt man nicht häufig bei der Tour.

Ob es sich um einen Fahrfehler von Froome handelte, wollte Nibali nicht beurteilen. „Es hängt vom ganzen Setup ab, wo der Schwerpunkt ist, wie sensibel die Bremsen reagieren. Stürze wie diese sind Teil des Radsports“, sagte der Sizilianer.

Qualen in Gelb. Sichtlich gezeichnet nimmt Froome am Mont Blanc das Trikot des Gesamtführenden in Empfang.
Qualen in Gelb. Sichtlich gezeichnet nimmt Froome am Mont Blanc das Trikot des Gesamtführenden in Empfang.Foto: AFP

Dass Froome gleich zwei Mal im wichtigsten Rennen des Jahres stürzt, ist Folge einer eigentlich schönen Entwicklung. Der Brite riskiert jetzt mehr, ist ein echter Racer geworden, der seinem Instinkt folgt. Das findet Beifall, auch bei den Kollegen. „Er traut sich jetzt mehr als früher, ist als Rennfahrer vielseitiger geworden“, lobt ihn etwa Nibali – und schränkt gleich lachend ein: „Am Freitag, als wir beide stürzten, hat er sich vielleicht etwas zu viel zugetraut.“ Tags darauf kehrte Froome daher wieder ganz in die schützende Umgebung des Sky-Zuges zurück. Vier Teamkollegen vor ihm, drei dahinter – so nahm er die ersten Abfahrten des Tages in Angriff. Sicherheit war wieder Trumpf. Die Stürze hatten Froome zwar nicht ernsthaft verletzt, seine Selbstsicherheit aber war erschüttert. Und er hatte mehr Kraft als geplant eingesetzt.

Sein Sturz im Schatten des Mont Blanc demonstrierte, wie wichtig es ist, Teamkollegen bei sich zu haben. Nur Dank der Tempoarbeit seines Helfers Wout Poels konnte er den Rückstand in Grenzen halten. Und nur weil ein anderer Helfer, Landsmann Geraint Thomas, dem Kapitän sein Rad gab, konnte Froome ohne großen Verzug die Verfolgung aufnehmen. Der Holländer Bauke Mollema verlor seinen Podestplatz, weil er nach einem Sturz allein dem Feld hinterherjagen musste.

An diesem Tage verdiente sich auch Thomas einen Startplatz beim Paris-Marathon. „Ich hatte ja Chris mein Rad gegeben. Als das Teamfahrzeug endlich ankam, fuhr es an mir vorbei und hielt erst in ein paar 100 Meter Entfernung", meinte der Brite. Noch ein laufender Sky-Profi bei der Tour. Die Pannen zeigen Sky von einer völlig neuen Seite. Natürlich wünscht niemand einem Rennfahrer Stürze, aber Sky wirkt jetzt menschlicher, als es irgendeine Image-Kampagne hätte zustande bringen können.

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