Sport : Tour de France: Der Neid radelt mit

Helmut Schümann

Das derzeit bekannteste Gesicht des deutschen Radsports trägt Marcel Wüst. Der Kölner Profi vom spanischen Stall Festina schaffte bei der diesjährigen Tour de France bis gestern, dass er in jedem Etappenziel die Mädels von den Siegerehrungen küssen durfte. Nach dem ersten Tag herzte er die Damen in rot-weiß, die ihm das Trikot des Bergbesten überstreiften, dann kamen in Nantes die Roten, die den Etappensieger feiern, dann warteten allabendlich die Beautys in Grün, um zum Grünen Trikot des Sprintbesten zu gratulieren. Ein Hemdchen, das ihm am Sonntag nun Erik Zabel vom Team Telekom abgenommen hat.

Die derzeit längsten Fernsehzeiten des deutschen Radsports besetzt Jens Voigt. Der Berliner Profi vom französischen Stall Credit Agricole fuhr dem übrigen Feld bislang auf drei Teilstücken auf und davon. Zwar wurde er immer eingeholt, aber stundenlang waren die Kollegen fern, begleiteten Voigt nur die Motorräder mit den Kameramännern drauf. Eine Eskorte, an der sich ansonsten zumeist das Team Telekom erfreut.

Die Deutschen rollen flott durch Frankreich, so flott, dass die einheimischen Blätter am Tag von Voigts Alleinfahrt und ihrem Ende durch Wüsts Etappensieg schon zu einem "deutschen Tag" aufriefen. Deutsche Tour-Helden sind im Grunde genommen nichts ungewöhnliches mehr, seit sich die Telekom mit ihren Fahrern eingereiht hat in die Große Schleife. Ungewöhnlich ist nur, dass die deutschen Tour-Helden in diesem Jahr bislang eben nicht nur vom Team Telekom kommen. (Was sich mit hoher Wahrscheinlichkeit allerdings ändern wird, wenn sich die Tour ab heute die Berge hochquält - kaum einer litt in der jüngsten Vergangenheit so erfolgreich wie die Bergfahrer von der Tele-Kommunikation).

Es habe in Deutschland schon länger sehr gute Radrennfahrer gegeben, sagt Wüst, nur hätte es keiner bemerkt, "weil die Telekom mit ihrer Medienpräsenz alles erschlägt". Er sagt dann hier in Frankreich auch immer noch, dass es ihm egal sei, wie oft er deren Sprint-Star Erik Zabel noch das Hinterrad zeigt, aber allein die Häufigkeit, mit der er diese beschwichtigen Worte anbringt, sind wohl ein Indiz dafür, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Das kommt ganz gut an in der Heimat, was vielleicht daran abzulesen ist, dass Wüst erstmals in seiner zwölfjährigen Karriere und nach inzwischen 110 Siegen ein Podium bekam beim Aktuellen Sportstudio im ZDF.

Die Lage ähnelt ein wenig der des deutschen Fußballs. Da ist es auch immer hübsch und publikumswirksam, wenn irgendwelche Dortmunder oder Leverkusenern den Marktführern des FC Bayern München vors Schienenbein treten. Und Marktführer ist das Team Deutsche Telekom. Offiziell gibt das Unternehmen den Etat des Rennstalls mit zwölf Millionen Mark an. Patrick LeFevere vom italienischen Mapei-Team rechnet allerdings anders und kommt inklusive der Werbeverträge auf 20 Millionen Mark, die die Deutschen für trittfeste Fahrer ausgeben können. LeFevere ist ein guter Zeuge, sein Mapei-Stall gilt mit einem exakt gleichgroßen Etat als der Krösus der Szene - mit einem Unterscheid: Mapei hat 39 Fahrer in Lohn und Brot, die Telekom läßt 23 Radler für sich strampeln.

Es ändern also die Attacken von Wüst gegen die Telekom-Räson recht wenig an deren Spitzenposition, aber wurmen tut es die Stars ganz offensichtlich doch, wenn andere die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als Erik Zabel in Limoges wieder einmal verspätet gegenüber Wüst über den Zielstrich raste, und das an seinem Geburtstag, war ihm die Feierstimmung gehörig vermasselt. Nicht einmal die Gemahlin und auch nicht der kleine Sohn konnten einen Blick ernten, wütend stapfte Zabel von dannen.

Und auch Jens Voigt wird sich seine eigenen Erklärung machen auf das, was ihm auf der Fahrt von Limoges nach Villeneuve-sur-Lot widerfuhr. Da war er mit einer Ausreißergruppe nach vorne geprescht und durfte sich sogar als neuer Träger des Gelben Trikots wähnen. Am Tag zuvor hatte das Peloton Christophe Agnolutto unbehelligt zum Etappensieg radeln lassen, nun aber rackerte das Feld, angetrieben vom Team Deutsche Telekom, als sei es von Hunden gehetzt. Voigt in Gelb konnte verhindert werden - dulden die Telekoms keine deutschen Götter neben sich?

Da ist es für Wüst umso erfreulicher, dass er neben der Aufmerksamkeit auch den späten Triumph für sich hat. Der Konkurrent hatte ihn nämlich schon einmal abgelehnt, als er sich 1995 bei Telekom beworben hatte. Sie hätten gute Sprinter, da bräuchten sie keinen wie ihn. Wohl deshalb ist Wüst zum dem Schluss gekommen, dass Neid bei den Kollegen derzeit auch eine Rolle spielt. "Der Erik hat Probleme, die Leistung anderer anzuerkennen." Und Zabel fehlt eben immer noch in diesem Jahr ein Etappensieg.

Und weil die Telekom-Fahrer immer so besonders sauber und adrett daherkommen und dabei allzu gerne als alleinige Hüter der Sportmoral auftreten, verfolgte Wüst vor einem Jahr die Debatte um die Reinheit von Ullrich und Kumpanen besonders genau. "Jetzt hat es mal die erwischt, die sonst immer nur mit den Fingern auf andere zeigen", sagte er, als die Doping-Diskussion auch einmal das Deutsche Team erreicht hatte. (Allerdings saß Wüst selbst im Glaskasten, als er mit den Steinen schmiss: Sein Team Festina war 1998 - Wüst nahm nicht an der Rundfahrt teil - wegen recht umfangreichen Dopings im Stall von der Tour de France ausgeschlossen worden).

Das hat die Freundschaft nicht vertieft, und als am gestrigen Morgen in Agen zur vorerst letzten Flachetappe angefahren wurde, ein Moment, in dem die Fahrer noch gemütlich dahin rollen, Freundlichkeiten austauschen und Taktiken besprechen, da sah man auf dem Boulevard de Liberte kurz vor der Brücke über die Garonne zwei Fahrer im munteren Plausch vereint: Wüst und Voigt. Wahrscheinlich besprachen sie, wie sie die Konkurrenten vom Team Telekom heute wieder ärgern könnten und wer am Abend nach der Ankuft in Dax die Mädels von der Siegerehrung küssen darf. Am Ende war dies dann allerdings Zabel.

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