Tour de France : Der Phönix aus der Asche des Radsports

Wie Alberto Contador die Tour dominiert. Lance Armstrong gesteht seine Niederlage ein.

Tom Mustroph[Verbier]

Sitzt Alberto Contador auf einem Rennrad, wird er zu einem gefährlichen Burschen. Entschlossen mahlen die Backenknochen, sein Blick wird scharf wie eine Klinge. Die Narbe, die sich seit einer Schädeloperation über den halben Kopf zieht, verleiht ihm, bevor er sie unter Helm und Sonnenbrille verbirgt, das Aussehen eines überlebenden Messerhelden. Überquert Alberto Contador den Zielstrich, feuert er mit der zur Pistole geformten Hand Schüsse in die Menge.

Gegen wen sich die Ballerei richtet, hat der im Madrider Vorort Pinto geborene Mann noch nicht verraten. Erstmals aufgefallen ist diese Eigenart beim Giro d’Italia 2008. Dies ist die erste große Rundfahrt, die Contador aufgrund seiner Stärke gewann. Seinen Erfolg bei der Tour de France 2007 hatte der vom Fuentes-Doping-Sumpf zumindest berührte Spanier vornehmlich dem Ausschluss des dänischen Experimentaldopers Michael Rasmussen (der mit Versuchen mit Rinderblut bekannt wurde) zu verdanken. Seit dem Mai 2008 ballert Contador vor allem nach Bergetappen in einer Regelmäßigkeit, die seine Fans begeistert und den Rest der Welt erschreckt. Nach dem ersten Grand Slam mit Sieg bei Tour, Giro und Vuelta läutet er jetzt den zweiten ein.

Privat soll Contador ein eher stiller Geselle sein, beschwichtigt sein Bruder Francisco: „Er ist auf dem Boden geblieben und bildet sich auf seine Berühmtheit nicht viel ein.“ Francisco ist der getreueste Begleiter, den Alberto Contador gegenwärtig innerhalb der bunten Astana-Reisegesellschaft hat. Die Brüder wohnen noch in Pinto. Alberto habe in seinem Appartement eine ganze Voliere voller Vögel, erfährt man von Francisco. Er liebe das sich so leicht in die Luft erhebende Getier.

Wenn es um das Überflügeln von Menschen geht, will Alberto Contador immer vorn sein. „Sei es beim Spielen mit der Playstation, bei Rennen auf dem Mini Bike oder auf dem Rennrad, Alberto will immer gewinnen“, meint Francisco. Er brachte den drei Jahre jüngeren Bruder zum Radsport. Der 15-Jährige verblüffte gleich durch seine Qualitäten am Berg. Sechs Jahre nach der ersten Pedalumdrehung war er bereits Profi.

Contador heuerte bei Once an, dessen Nachfolgerteam Liberty Seguros im Epizentrum des Fuentes-Bebens stand. Das Kürzel „AC“ tauchte in den Unterlagen des Dopingsarztes Eufemiano Fuentes auf. Eine „Behandlung wie JJ“, also Jörg Jaksche, war ihm zugedacht. Alles wurde aber mit dem Zusatz „oder nichts“ relativiert. Fuentes schweigt dazu. Alberto Contador streitet Doping ab. Bruder Francisco wollte im letzten Herbst in einem Hintergrundgespräch Glauben machen: „Liberty Seguros hat damals aus zwei Teilen bestanden. Es gab die Alten, die gedopt haben, und die Jungen, die damit nicht in Berührung kamen.“ Zu den Jungen gehörte damals Contador. Jörg Jaksche, einer der „Alten“, kann sich an eine solche Trennung freilich nicht erinnern.

Alberto Contador ist wie ein Phönix aus der Asche des Fuentes-Skandals erstiegen. Er dominiert seitdem die Radsport-Szene. Von Lance Armstrong wurde er 2007 zum Nachfolger ausgerufen. Beide verbindet eine überstandene Todeserfahrung. Armstrong ist dem Krebs entkommen. Contador wurde 2004 eine lebensgefährliche Arterienvergrößerung im Gehirn operativ entfernt. Im Krankenbett las er die Armstrong-Biografie und bezog daraus mentale Kraft. Die freundschaftliche Beziehung erhielt freilich einen Riss, als Armstrongs Rückkehr die Thronfolge wieder außer Kraft setzte. Nach Contadors Attacke mit Pistolenfeuerwerk in Verbier gestand der Amerikaner aber: „Alberto ist der Beste. Ich bin Zweiter und stehe ihm zur Verfügung.“

Nun hat der Ballermann freie Hand.

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