Sport : Tour de France: Der stressigste Tag der Tour

Hartmut Scherzer

Vor dem heutigen Mannschaftszeitfahren, sagt Erik Zabel unverblümt, "hat jeder mächtig die Hosen voll". Denn es kann so viel passieren, was den weiteren Verlauf der Tour de France nachhaltig und nachteilig beeinflusst. "Wenn du einen schwarzen Tag hast, nicht reinfindest in den Rhythmus und die Kameraden dich schon an der ersten Autobahnbrücke abhängen, kannst du die Koffer packen." Kein Wunder, dass die gestrige Etappe von Huy nach Verdun, die der Franzose Laurent Jalabert gewann, aus deutscher Sicht nicht so spektakulär verlief wie die Tage zuvor. Jan Ullrich rollte mit Lance Armstrong im Verfolgerfeld über die Ziellinie. Das Grüne Trikot des besten Sprinters behält Zabel, obwohl er gestern hinterherfuhr.

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Grafik: Etappen und Streckenprofile Heute findet das Spektakel, an dem die Zuschauer, nicht aber die Fahrer Spaß haben, auf 67 Kilometern zwischen Verdun und Bar-le-Duc statt. Die Abreise droht dem Abgehängten des Mannschaftszeitfahrens, der als zurückgelassener Einzelkämpfer die Zeit der Siegermannschaft um 25 Prozent überschreitet. Nach Hochrechnungen der Teams sind das um die 16 Minuten. Diese Verspätung bedeutet: Adieu, Tour de France. Das Team kämpft daher nicht nur gegen die Uhr, sondern auch mit einem ständigen Konflikt: So schnell wie möglich zu treten und dennoch keinen zu verlieren. Die Zwickmühle: Minuten oder einen Mann opfern?

"Es ist eine alte Weisheit", sagt Olaf Ludwig, der jetzige Sprecher und einstige Radstar in Diensten des Team Telekom, "dass der Stärkste am Ziel genauso kaputt sein muss wie der Schwächste." Das heißt: Die Stärksten, im Fall von Telekom Ullrich, Winokurow, Klöden und Wesemann, müssen das Vier- und Fünffache der Schwächeren an Führungsarbeit leisten, um das Tempo gleichmäßig hoch zu halten. Von allen neun Fahrern müssen fünf zusammen durchs Ziel. Der Beste ist nur so gut wie der Fünfte. Dessen Zeit ist maßgeblich. Im vergangenen Jahr siegte Once. US Postal war Zweiter, Telekom Dritter, 1:26 Minuten hinter den Siegern, 40 Sekunden langsamer als Armstrongs Team.

"Dieses Jahr sind wir besser vorbereitet und werden uns über die Ablösungen und Positionen genauer absprechen", sagt Telekoms Chef-Stratege Rudy Pevenage. Voriges Jahr hatte die sportliche Leitung sogar an die Anweisung gedacht, auf den abgehängten Fagnini zu warten, um ihn nicht schon nach der dritten Etappe verabschieden zu müssen. Der Italiener rettete sich dann rechtzeitig allein ins Ziel. Pevenage spürt erneut ein flaues Gefühl im Bauch. Dies sei der "stressigste Tag für die Teams. Durch Stürze und Defekte kannst du hier die Tour verlieren."

So erging es Tony Rominger 1993 gegen Miguel Indurain. Zwei Helfer waren durch Stürze vor dem Zeitfahren ausgeschieden. Nur noch sieben Mann bedeuteten ein großes Handicap. Dann gab einer auch noch einem anderen einen Klaps - jede Schubhilfe ist verboten -, was eine Strafminute zur Folge hatte. Vier Minuten büßte der Schweizer ein. Beim Einzelzeitfahren fünf Tage später musste Rominger als 87. Fahrer zwei Stunden vor Indurain starten, geriet in einen Hagelschauer, während der Spanier nachmittags im Sonnenschein über den Parcours am Lac Madine raste. Mit einem Rückstand von 5:44 Minute hatte der Herausforderer nach den ungleichen Bedingungen keine Chance. Er gewann zwar zwei Alpenetappen und das abschließende Zeitfahren, konnte aber den Rückstand, verursacht durch das Malheur in der Teamdisziplin, nicht aufholen. Rominger wurde Zweiter, 4:59 Minuten hinter Indurain. Niemand will daran denken, dass das Duell Armstrong - Ullrich durch ein ähnliches Malheur im Mannschaftszeitfahren entschieden wird wie 1993 der Zweikampf Indurain - Rominger.

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