Tour de France : Deutsche Fahrer - im Zweifel für sich selbst

Die deutschen Fahrer bei der Tour de France stehen für die Zerrissenheit des modernen Radsports.

Tom Mustroph[Tarbes]

Bei der Dopingkontrolle steht das Rad mit der Startnummer 76 gleich neben denen mit den Nummern 21 und 22. Die 76 gehört dem gebürtigen Erfurter Tony Martin, die 21 dem Spanier Alberto Contador und die 22 Lance Armstrong. Der junge Thüringer ist in der Weltelite angekommen. Auch und gerade für die Antidopingkommissare. Der 24 Jahre junge Profi von Columbia HTC ist in dieser Saison als Siegfahrer hervorgetreten. Er hat die Bergtrikots beim Klassiker Paris – Nizza und bei der Tour de Suisse gewonnen und fährt jetzt im weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers über Frankreichs Straßen.

Weil mit solchen Erfolgen zwangsläufig auch der Zweifel wächst, nehmen die Kontrollen zu. „Ich bin an einem Tag vor dem Rennen kontrolliert worden und am nächsten danach. Das gehört zu unserem Sport“, sagt Martin voller Realismus. Anders als Lance Armstrong, der sich zuweilen via Twitter über die – in seinem Falle zweifelsohne zahlreicheren – Abgaben von Dopingproben beschwert, begrüßt Martin diese Praxis: „Ich glaube, dass viele von uns sauber fahren. Die Kontrollen sind der richtige Ansatz auf einem Weg zu einem insgesamt sauberen Radsport.“ Ob auch diese Meinung von Realitätssinn durchdrungen ist? Die Zweifel an dem Kontrollinstrumentarium, das die Zweifel an der erbrachten Leistung auf dem Rad beseitigen soll, sind fast genauso groß wie die Zweifel an den Leistungen der Profis selbst.

Martin wirbt tapfer um Vertrauen – auch für sich selbst. „Meine Leistungen haben sich kontinuierlich verbessert, jede Entwicklungsstufe ist nachvollziehbar“, sagt er. Als weitere vertrauensfördernde Maßnahme kann er seinen Zweitberuf ins Feld führen: Tony Martin ist Polizeimeister. Wenn es mit dem Radsport nicht mehr weitergeht, hat er eine Alternative. Die könnte ihn weniger empfänglich für Dopingversuchungen machen.

Auch ohne Polizeiuniform macht ein anderer Deutscher bei der Tour de France einen patenten Eindruck: Jens Voigt. Der Berliner, der einen Tag älter ist als Lance Armstrong, gewann frühzeitig Sympathien, weil er sich nicht dem alles verschlingenden Telekom-Universum anschloss, sondern seinen eigenen Weg ging. In Doping-Fragen tänzelt der Routinier auf Mainstream-Linie, auf der sich auch Youngster Tony Martin bereits bewegt. Er selbst behauptet, nicht zu dopen – und nimmt Gleiches auch bei der Mehrzahl seiner Berufskollegen an. Zur Tour de France 2009 bemerkt er: „Dies wird wohl meine letzte Tour sein. Meine erste war vom Festina-Skandal geprägt. Meine Abschluss-Tour soll davon frei sein.”

Weitaus härter mit seinem Umfeld geht Linus Gerdemann um. Er hat auch mehr zu schultern. Er ist der Rundfahrt-Kapitän des letzten deutschen Profirennstalls Milram und wurde zum Hoffnungsträger des neuen, sauberen deutschen Radsports erklärt. Um diesem Ruf gerecht zu werden, trennte er sich von dem umstrittenen Mediziner Luigi Cecchini. Er sprach sich gegen Lance Armstrongs Rückkehr aus und befürchtete öffentlich, dass damit wieder die alten Verhältnisse einkehrten. Gerdemann hat prompt eine Drohung von Lance Armstrong erhalten und ist auch von dessen Teamgefährten Andreas Klöden angegriffen worden. Jetzt muss er in dem Zwiespalt leben, den hohen sportlichen Erwartungen gerecht zu werden und gleichzeitig mit zu guten Leistungen nicht selbst Zweifel zu erzeugen. Zudem hat er ernstzunehmende Gegner im Peloton.

Andreas Klöden wiederum hat Gerdemanns Probleme nicht. Im Fahrerfeld wird er als Könner geachtet, in der Öffentlichkeit sind die Zweifel an seiner Leistung unausrottbar. Der Freiburg-Untersuchungsbericht hat diese Zweifel fast zur Gewissheit verdichtet. Klöden tritt davon unbeirrt für Armstrong und Contador in die Pedale, wie er das früher auch für Jan Ullrich getan hat. Ein Profi alter Ordnung.

15 deutsche Profis nehmen für acht verschiedene Teams an dieser Tour de France teil. Vier von ihnen sind bislang sportlich ins Rampenlicht gefahren. Sie könnten kaum unterschiedlicher sein – und spiegeln damit den modernen Radsport in seiner Zerrissenheit wider.

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