Sport : Tour de France: Die Straße der Ehre gehört Armstrong

Hartmut Scherzer

Der Heimvorteil nutzte nichts. Lance Armstrong war im Ziel 25 Sekunden schneller als Jan Ullrich. Das Zeitfahren vor dem Finale auf dem Pariser Champs-Elysees gilt als die Straße der Ehre. Zumindest für den Amerikaner. "Das Gelbe Trikot sollte hier gewinnen. Es ist das Rennen der Wahrheit", sagte Lance Armstrong gestern voller Genugtuung über seinen Sieg. "Die Tour ohne einen Etappensieg wäre für mich nicht vollkommen gewesen." Seit dem verschenkten Sieg auf dem Mont Ventoux an Marco Pantani habe er "ein leeres Gefühl" empfunden und sei daher "super motiviert" gewesen, diese 19. Etappe zu gewinnen.

Mit einem Vorsprung von 6:02 Minuten vor dem Deutschen fährt Lance Armstrong nun seinem sicheren zweiten Triumph bei der 87. Tour de France nach Paris entgegen. Es mag dieser besondere Ehrenkodex und diese zusätzliche Motivation des Titelverteidigers gewesen sein, die Armstrong letztlich fast eine halbe Minute schneller über die 58,5 km von Freiburg nach Mulhouse wirbeln ließ. "Und das in Jans Garten", bemerkte der Texaner, beeindruckt von den gewaltigen Zuschauermassen. "Für einen Fremden ist das doppelt schwer. Es war ein harter Kampf. Jan hat große Klasse und ist ein großer Champion."

Hunderttausende feuerten ihren Lokalmatador frenetisch an. Ullrich war daher "traurig, dass Lance in meiner Heimat 25 Sekunden schneller war", zollte aber seinem Bezwinger doch allen sportlichen Respekt: "Lance hat demonstriert, dass er zu Recht das Gelbe Trikot trägt. Ich bin damit einverstanden. Ich denke, ich bin dennoch eine gutes Zeitfahren gefahren und die Fans können zufrieden sein."

Der Weltmeister im Regenbogentrikot holte auf der Ziellinie den drei Minuten vor ihm gestarteten Basken Joseba Beloki ein und hatte keine Ahnung vom Rückstand zu Armstrong. "Ich hatte keinen Funk, sah nur, dass ich bei den Zwischenzeiten der Beste war. Das machte mich zufrieden." Nach elf Kilometern waren die beiden Rivalen, die ihre Beinmuskeln noch nie in einem bedeutenden Kampf gegen die Uhr gemessen hatten, noch auf die Sekunde gleichauf. Doch danach legte Armstrong ständig einen Zahn zu: Fünf Sekunden schneller nach 20,5 Kilometern, 25 nach 43 km. Auf den letzten 15 Kilometern waren sie also wieder gleich schnell. Auf dem flachen Kurs und bei ständigem Rückenwind war es der schnellste "Chrono" der Tour-Geschichte auf einer Distanz von über 50 km: In 1:05:01 Stunden raste Armstrong durch die begeisterten Menschenspaliere beiderseits des Rheins. Das war gleichbedeutend mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 53,986 km/h.

Für das Team Telekom bedeutete die Niederlage die Fortsetzung einer etwas unglücklichen Serie: viermal Zweiter nacheinander (Ullrich, Zabel, Winokurow, Ullrich). Und immer ganz knapp geschlagen. Der zweite Platz auf dem Podium in Paris wie schon 1996 und 1998 ist dem Tour-Sieger von 1997 so sicher wie Armstrong der erste. Auf 4:02 Minuten dehnte Ullrich seinen Vorsprung gegenüber Beloki aus, der zu Beginn der Woche, nach der Königsetappe, nur zwei Sekunden Rückstand hatte.

Die letzte Hoffnung, die Serie zu beenden und doch noch einen Sieg für Telekom zu erkämpfen, trägt jetzt Erik Zabel. Der Sprinter sieht zwar mit dem Gewinn des fünften Grünen Trikots in Folge seine Mission erfüllt. Aber in Paris den letzten Spurt der Tour zu gewinnen, dafür will er sich noch einmal voll reinhauen. Der Sieg klappe aber nur, "wenn es uns gelingt, den Haufen bis zum Schluss zusammenzuhalten."

Nach der Etappenankunft teilte Armstrong mit, er werde auf den Start bei der Rad-WM vom 10. bis 15. Oktober in Plouay/Frankreich verzichten. Der Profi-Weltmeister von 1993 will sich ganz auf seinen Einsatz bei den Olympischen Spielen in Sydney konzentrieren. In Australien geht der Amerikaner im Zeitfahren und dem Straßen-Wettbewerb an den Start.

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