Tour de France : "Enttäuschte Liebhaber"

Tour-Chef Christian Prudhomme spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über das Verhältnis der Deutschen zur Rundfahrt – und die Zukunft.

Herr Prudhomme, drei Dopingfälle erschüttern die Tour de France. Sie müssen doch deprimiert sein, oder?

Ich bin sehr glücklich über den großen Enthusiasmus in der Bevölkerung. Insbesondere in der ersten Woche in der Bretagne waren der Zuspruch und die Begeisterung an der Strecke überwältigend. Das gab uns das Gefühl eines wirklichen Neuanfangs.

Der Neuanfang ist aber inzwischen zu Ende, oder?

Natürlich bedauere ich, dass es immer noch Idioten gibt, die die Zeichen der Zeit nicht verstanden haben. Was mich aber positiv stimmt, ist, dass wir die Betrüger erwischen. Ich bin zum ersten Mal, seitdem ich die Tour leite, wahrhaft optimistisch, was den Kampf gegen das Doping angeht. Ich hätte es allerdings gerne gesehen, wenn diese Leute schon im Juni erwischt worden wären, bevor sie zur Tour kamen.

Da hat Ihrer Meinung nach also der Weltverband UCI erneut versagt?

Ganz genau. Wir haben hier bei der Tour mit der französischen Anti-Doping-Behörde AFLD eine Institution, die komplett unabhängig ist – im Gegensatz zum Weltverband. Dass die AFLD eine französische Organisation ist, spielt dabei keine Rolle. Nur so kann man im Kampf gegen das Doping Erfolg haben: Wir haben der AFLD den Schlüssel zu unserem Rennen gegeben und ihr völlig freie Hand gelassen. Und ihr Erfolg stimmt uns sehr optimistisch.

Insbesondere in Deutschland sehen viele die neuen Dopingfälle nicht als Fortschritt, sondern als Zeichen dafür, dass der Radsport nicht mehr zu retten ist.

Die Deutschen verhalten sich nach dem Sturz von Jan Ullrich und von T-Mobile wie enttäuschte Liebhaber. Ich kann das nachvollziehen. Ich war vergangene Woche während der Etappe nach Hautacam, als die Saunier-Duval-Mannschaft vorweg fuhr, ja auch sehr traurig. Als Ricardo Ricco erwischt wurde, war ich noch trauriger. Die Begeisterung bei den Tour-Etappen in Deutschland in den Jahren vor 2006 war größer als an irgendeinem Ort in Frankreich. Die Deutschen müssen jetzt die Mitte zwischen dieser Begeisterung damals und ihrer Enttäuschung heute finden. Vor allem aber dürfen sie nicht auf diejenigen draufhauen, die alles dafür tun, den Radsport zu retten. Wir sind nicht perfekt, aber wir haben uns sehr gebessert.

Verbessert?

Ja. Es gibt keine Sportveranstaltung auf der Welt, die so gut kontrolliert wird und so transparent ist wie die Tour de France. Wir dürfen nicht weiter unter den Teppich kehren, was im Sport passiert, wir müssen es aufdecken.

Wie wichtig ist es für Sie, die Herzen der Deutschen wieder zu gewinnen?

Der deutsche Markt ist für die Tour enorm wichtig. Wir sind die engsten Nachbarn, wir können nicht ohne einander auskommen. Um die Deutschen wieder für die Tour zu gewinnen, tue ich vor allem eines: Ich arbeite unermüdlich daran, die Tour wieder zu einem glaubwürdigen Rennen zu machen.

Ist das nicht unrealistisch – bei so vielen Misserfolgen?

Nehmen Sie einen jungen Fahrer wie Linus Gerdemann. Der Tag, an dem Gerdemann im vergangenen Jahr die Etappe nach Briancon gewonnen hat, war für mich ein ungeheuer glücklicher Tag. Gerdemann verkörpert die wichtigste Qualität, die ein Rennfahrer haben kann: Courage. Wegen dieser Courage lohnt es sich, die Tour zu beschützen. Doper verkörpern das Gegenteil, sie haben keine Courage. Das Spektakel im Radsport entsteht aus dem Leiden und aus dem Mut, es zu überwinden. Doping vermindert das Leiden und vermindert somit die notwendige Courage. Diese Courage ist aber das, was die Menschen sehen wollen.

Sie sagen, der Erfolg im Antidopingkampf müsste anerkannt werden. Wie wollen Sie denn die Menschen davon überzeugen, dass sich die Dinge im Radsport grundlegend geändert haben?

Sehen Sie, wir hatten im vergangenen Jahr einen Michael Rasmussen hier am Start, der nie bei einer Dopingkontrolle erwischt wurde. Das wäre in diesem Jahr nicht mehr passiert, weil wir mit der AFLD zusammenarbeiten und nicht mehr mit dem Radsport-Weltverband. Das ist ein fundamentaler Wandel. Die Fortschritte, die die Wissenschaft gemacht hat, stimmen mich optimistisch. Der Abstand zwischen den Dopern und den Kontrolleuren wird immer kleiner. Wir erwischen die Betrüger. Ricardo Ricco konnte es nicht fassen, dass er erwischt wurde, er war völlig verwirrt. Das ist ein wunderbarer Fortschritt.

Wird sich die Tour de France in Zukunft auch weiterhin vom Radsport-Weltverband abnabeln?

Die Zukunft der Dopingbekämpfung für uns liegt eindeutig bei der Welt-Anti-Doping-Agentur.

Wie sehen Sie die Entwicklung Ihrer Veranstaltung in den kommenden Jahren?

Die Tour wird immer universeller. Ich habe Bewerbungen aus Ländern wie Kanada, Japan, Estland, Katar und Ungarn, die den Tour-Start ausrichten wollen. Das zeigt mir eine große Begeisterung in der ganzen Welt für unsere Veranstaltung. Eine große Skepsis, was die Zukunft der Tour angeht, kann ich eigentlich nur bei den Medien feststellen.

Das Gespräch führte Sebastian Moll.

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