• Tour de France: Erneuerung als ein sehr intimes Geschäft - Warum die 87. Tour bisher nicht richtig in Schwung kommt

Sport : Tour de France: Erneuerung als ein sehr intimes Geschäft - Warum die 87. Tour bisher nicht richtig in Schwung kommt

Helmut Schümann

Das junge Paar mit plärrendem Säugling war irritiert. All die Absperrungen auf dem Boulevard Heurteloup in Tours, all die vielen Menschen und erst der Krach aus Hunderten von Lautsprechern. Was denn los sei, begehrte der Vater von einem Flic zu wissen. Und bekam erst ein fassungsloses Gesicht zu sehen, dann ein gestöhntes "Tour de France" zu hören. Mon Dieu, gibt es Menschen, Franzosen zumal, die nicht wissen, dass Tour de France ist in France?

Nicht wirklich, es bedarf schon gewaltiger Ignoranz, Frankreichs Sommerfest zu übersehen. Entlang der Piste und in den Etappenorten ist die Tour allgegenwärtig. Nur so richtig in Schwung kommen will die große Schleife nicht. Die überregionalen Blätter erwähnen die Tour, aber man kann nicht sagen, dass sie ihr huldigen. Von Leidenschaft, Begeisterung und Enthusiasmus, wie sie die Tour nahezu immer begleitete in der nun 87-jährigen Geschichte, ist in dieser ersten Woche nichts zu spüren.

Das mag zu einem Großteil der Streckenführung zuzuschreiben sein. Vom spektakulären Mannschaftszeitfahren nach Saint-Nazaire abgesehen, rollt die Tour träge durch die flache Landschaft, tritt auf den Zielgeraden kurz und heftig in die Pedalen und fällt anschließend wieder in Langeweile zurück. Taktik bestimmt das Geschehen, das Gelbe Trikot wird erst ab Montag, wenn die Tour auf die Berge fährt, zum begehrten Leibchen. "Ein Tag in Gelb, das reicht uns erst einmal", sagte Francois van Looy aus der Mannschaftsführung vom Team Telekom zur Trikotübernahme von Elli.

Die abwartende Haltung der Teams mag ein Grund für die noch lustlose Stimmung sein, ein anderer ist zu finden hinter dem Motto dieser und der vorjährigen Rundfahrt: "Die Tour der Erneuerung". Erhofft wurde damit die Genesung von dem schweren Schlag, den die Tour, den der Radsport vor zwei Jahren hinnehmen musste. Damals hatten die staatlichen Behörden einen Doping-Sumpf freigelegt, in dem die ganze Sportart zu versinken drohte. Doch kann von Genesung keine Rede sein, nicht mal von Erholung. Zwar gab die Tourleitung am Freitag bekannt, dass alle während der ersten drei Etappen gezogenen Proben negativ ausgefallen seien, wirklich vertrauensfördernd ist das aber nicht. Auch 1998 war kein Fahrer beim Dopingtest durchgefallen - und doch konnte der massenhafte Missbrauch illegaler Drogen nachgewiesen werden. Dopingwillige Profis sind auch bei der Dosierung so professionell, dass sie am Renntag sauber erscheinen.

Bei der Tour de France ist es nämlich so, sagt Cyrille Guimard: "Im gesamten Teilnehmerfeld sind drei, vier Fahrer, die nicht mit irgendeinem Mittel unterwegs sind. Und ich sage drei, vier, damit ein paar die Chance haben zu behaupten, sie seien dabei." Der Mann weiß, wovon er redet, Guimard war Weltklassefahrer in den sechziger Jahren und später Teamchef solcher Tourlegenden wie Bernard Hinault, Laurent Fignon oder Greg LeMond. Vor drei Jahren hat sich Guimard fürs erste aus dem aktiven Geschehen zurückgezogen, weil er, wie er sagt, keine Lust mehr habe, von Teams, die aus irgendeinem Grund in der Lage seien, stundenlang mit Tempo 60 durch die Gegend zu rasen, überrollt zu werden.

Drei, vier also. Man kommt mit dieser Formel zu ein paar sehr ernüchternden Überlegungen. Sagen wir, Nummer eins wäre Lance Armstrong, der Vorjahressieger. Armstrong hat gesagt, er habe noch nie gedopt. Ganz ernsthaft, kann einer lügen, der todgeweiht war, weil vom Krebs zerfressen, und der die Krankheit mit unbändigem Willen besiegte? Nummer zwei wäre Jan Ullrich, schon allein, weil er für den so großen und seriösen Konzern Telekom unterwegs ist, außerdem dopen Deutsche bekanntermaßen nicht. Also wäre Nummer drei vielleicht der Kölner Sprinter Marcel Wüst, der zurzeit Erik Zabel, unserer Nummer vier der sauberen Athleten, den Rang abläuft.

Man sollte an dieser Stelle lieber aufhören nachzudenken, weil ja allein das Team Telekom bei dieser Tour sieben weitere Fahrer ins Rennen schickt. Andererseits hätte man ein Erklärung, warum der Belgier Tom Steels so dominant die ersten Sprintankünfte gewonnen hat und nicht Zabel, der Held des Frühjahres. 15 Siege hatte Zabel in dieser Saison schon eingefahren, hier in Frankreich donnerte schon zwei Mal Steels auf den letzten Metern an ihm vorbei, mit etwa 70 Sachen (gute Güte, siebzig km/h, auf ebener Strecke, nicht bergab und auch noch nach Etappen von über 200 Kilometern - schon erstaunlich, dass natürlich gewachsene menschliche Muskelkraft das hergibt).

Tour der Erneuerung? Als Jens Voigt, Berliner Profi vom Team Credit Agricole, im vergangenen Jahr auf einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob er glaube, Doping sei noch ein Thema, da brüllte er den Fragesteller an: "Was ist das für eine Frage? Ich frage Sie ja auch nicht, ob sie Analverkehr haben." Was etwas über Voigts Benimm aussagt und darüber, dass die Erneuerung bei der Tour ein sehr, sehr intimes Geschäft ist.

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