Tour de France : Etappe der Unglücke

Die 8. Etappe der Tour de France war geprägt von Unfällen. T-Mobile Kapitän Michael Rogers muss verletzt aufgeben. Ein Zuschauer wird bei einem Unfall so schwer verletzt, dass er ins künstliche Koma versetzt werden musste.

Sebastian Moll
Rogers
Es geht nicht mehr. T-Mobile Kapitän Michael Rogers muss nach einem Sturz verletzt aufgeben. -Foto: dpa

Tignes - Linus Gerdemann ist eigentlich sehr geduldig, wenn es darum geht, die Wünsche von Reportern zu befriedigen, doch manche Dinge gehen einfach vor. Als er im Ziel von Tignes am Sonntagnachmittag durch den Mikrofonwald seine Freundin Annika hinter einer Absperrung erspähte, waren ihm die PR-Pflichten erst einmal egal. Der junge Münsteraner drängte sich durch die Menge und wurde mit einem innigen Kuss belohnt. Diesen hatte sich Gerdemann auch verdient. Zwar musste er das am Vortag eroberte Gelbe Trikot an den Etappensieger, den dänischen Bergspezialisten Michael Rasmussen abgeben, er verteidigte jedoch trotz der Erschöpfung von den Härten der Vortagsetappe sowohl einen zweiten Platz mit einem 43 Sekunden Rückstand, als auch das Weiße Trikot für den besten Jungprofi.

Dass Gerdemann sein Gelbes Trikot am Sonntag abgibt, war sogar von der T-Mobile-Mannschaftsleitung geplant. Allerdings sollte der neue Führende nicht Michael Rasmussen heißen, sondern Michael Rodgers. Lange sah es auch gut aus für den Mannschaftskollegen von Gerdemann, der Australier hielt sich in der Spitzengruppe um Rasmussen und sah mit seinem Zeitvorsprung aus der ersten Tourwoche wie der sichere neue Gelbträger aus. Doch in der Abfahrt vom Col de Roselend versteuerte Rodgers sich in einer Kurve, schlug auf den Asphalt auf und brach sich wohl das Schlüsselbein. Unter Schmerzen quälte er sich noch den nächsten Pass hoch, musste jedoch schließlich vom Rad steigen.

Michael Rodgers war nicht der einzige T-Mobile-Fahrer, der gestern verunglückte. Patrick Sinkewitz war auf der Abfahrt vom Ziel zurück zum fünf Kilometer entfernt geparkten Mannschaftsbus, als ihm ein Zuschauer vor das Vorderrad sprang. Eine Journalistin, die den Zusammenprall sah, berichtete, dass sowohl Sinkewitz, als auch der Zuschauer bewusstlos auf der Straße liegenblieben. Sinkewitz kam allerdings offenbar mit einem Nasenbeinbruch davon. Der Fan erlitt schwere Kopfverletzungen und lag am Abend im Koma.

Mit Michael Rasmussen übernahm am Sonntag ein Mann das Gelbe Trikot, der im Gegensatz zu Linus Gerdemann eher zu jener Generation von Radsportlern gehört, die die vielzitierte „alte Mentalität“ des Radsports verkörpert. Viele Spekulationen ranken sich um den Dänen. So arbeitete er mit demselben italienischen „Preparatore“, Paolo Rosalo, zusammen, der auch die Mountainbike-Olympiasiegerin Paola Pezzo betreut hatte. Pezzo wurde 1997 wegen Anabolika-Dopings gesperrt. Darüber hinaus pflegt Rasmussen längere Trainingsaufenthalte in Mexiko zu verbringen, wo er nur selten von Dopingkontrolleuren besucht wird.

Hinter Rasmussen zeigten sich auf der Sonntagsetappe erstmals die Favoriten auf den Tour-Sieg. Besonders initiativ war der 37 Jahre alte Christophe Moreau, der auf dem vierten Rang liegt. Er ist der letzte aktive Fahrer jener Festina-Mannschaft, der während der Tour 1998 nach Polizeirazzien systematischer Missbrauch des blutbildenden Hormons Epo nachgewiesen wurde.

„Die Tour ist noch nicht vorbei“, sagte Alexander Winokurow im Ziel. Der Astana-Kapitän war sichtbar zufrieden, dass er und Andreas Klöden sich nach ihren Sturzverletzungen bis zum Ruhetag hatten retten können. Michael Rogers ist das nicht gelungen. Sebastian Moll

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