Tour de France : Fahrt ohne den Favoriten

Sportlich ist die Tour de France offen wie selten zuvor – ein Check der Kandidaten auf den Gesamtsieg.

Mathias Klappenbach

„Wenn Sie die Tour gewinnen, wird mir schlecht“, sagte am Donnerstag ein Journalist zu Alexander Winokurow. Wer wird dem Toursieger 2007 überhaupt trauen, egal wer es ist? Einer wird aber gewinnen. Und die besten Chancen hat Winokurow. Ein Blick auf die Favoriten:

Alexander Winokurow. Es ist nicht das erste Mal, dass Alexander Winokurow zu den Favoriten bei der Tour de France gehört. Doch zum ersten Mal ist der Kasache der Topfavorit auf das Gelbe Trikot. Seine Gegner der vergangenen Jahre wie Armstrong, Basso und Ullrich sind nicht dabei. Und mit dem Team Astana hat der 33-Jährige die stärkste Mannschaft an seiner Seite. Winokurow hat das Team quasi selbst gegründet, als kurz vor der Tour 2006 die Mannschaft Liberty Seguros wegen der „Operacion Puerto“ auseinanderfiel. Die dank Winokurow schnell mit Geld aus der kasachischen Wirtschaft zusammengestellte Nachfolge-Mannschaft wurde aber von der Tour 2006 ausgeschlossen, weil zu viele Fahrer wegen Dopings belastet waren. Winokurow konnte wieder einmal nicht siegen und sich damit nicht von seinem früheren Team Telekom emanzipieren, bei dem er hinter Jan Ullrich zurückstehen musste. Jetzt will der angriffslustige 33-Jährige seine vielleicht letzte Chance nutzen, er hat sich im Frühjahr nur auf die Tour vorbereitet. Bei der Rundfahrt Dauphiné Libéré dominierte Winokurow im Zeitfahren, was jedoch nur in zweiter Linie wahrgenommen wurde. Im Vordergrund stand, dass der schweigsame Kasache nach langem Zögern einräumte, mit dem wegen Sportbetrugs verurteilten Michele Ferrari zusammenzuarbeiten, mit dem Lance Armstrong mehrmals die Tour gewonnen hat. Ferrari sei aber nicht sein Arzt, sondern nur für die Trainingspläne verantwortlich, sagt Winokurow.

Alejandro Valverde: Er ist die große Hoffnung der Spanier, die Nachfolge des fünfmaligen Tour-Siegers Miguel Indurain anzutreten. Viele Beobachter vermuten hierin den Grund dafür, dass Valverde bislang keine Konsequenzen der „Operacion Puerto“ zu spüren bekam. Dabei ist er in der Liste des Doktor Fuentes wohl unter dem Kürzel „valv. (piti)“ verzeichnet: Piti heißt einer der Hunde Valverdes. In London darauf angesprochen, blieb Valverde stumm – woraufhin ein Großteil der Journalisten aus Protest den Raum verließ. Die Ermittlungen der Justiz in Spanien sind jedoch eingestellt, und so kann sich der Gewinner der Pro Tour 2006 berechtigte Hoffnungen darauf machen, dass es mit einem Tour-Sieg klappt. Auch weil ihm Oscar Pereiro, der bald zum Sieger der Tour 2006 erklärt werden dürfte, im Team Caisse d’Epargne als Helfer zugeteilt ist. In den vergangenen beiden Jahren musste Valverde bei der Tour nach guten Leistungen verletzt aufgeben. Im Gebirge ist er stärker als Winokurow, der dafür der bessere Zeitfahrer ist. Der 27-Jährige kann die Tour lockerer angehen als Winokurow – er hat noch ein paar Jahre Zeit, sie zu gewinnen. Wenn er nicht irgendwann für sie gesperrt wird.

Andreas Klöden: Lange hat er nicht mit deutschen Medien gesprochen, bis Andreas Klöden zwei Tage vor dem TourStart sagte: „Wenn alle Profisport so betreiben würden wie ich, wäre er auch sauber.“ Im Gegensatz zu Valverde und Winokurow stand Klöden nie unter konkretem Verdacht. Er wehrt sich zudem gegen den Generalverdacht, unter dem er schon deshalb besonders stark steht, weil auch er beim verdächtigten Astana-Team unter Vertrag ist. Dahin ging der Nachbar und Freund von Jan Ullrich nach der vergangenen Saison, in der er als Ersatzkapitän für Ullrich bei T-Mobile Dritter bei der Tour geworden war – mit einer besseren Taktik wäre sogar der Sieg möglich gewesen. Im Jahr zuvor war er sogar Zweiter. Ein Star ist Klöden dennoch nicht geworden, und das lag nicht nur daran, dass er Ullrich stets ein treuer Helfer auf dem Rad war und immer noch sein privater Freund ist. Die Verantwortung als Kapitän liegt dem 32-Jährigen nicht. Auch jetzt soll Klöden, der im Frühjahr stark fuhr, einspringen, falls sein Kapitän Winokurow schwächelt. Die beiden fuhren schon zusammen bei T-Mobile, ihr neues Team ist ein kleines Sammelbecken für frühere Mitarbeiter des Bonner Rennstalls, zu denen auch der positiv auf Doping getestete Matthias Kessler, Paolo Savoldelli, der Sportliche Leiter Mario Kummer und der vor ein paar Tagen geschasste Berater Walter Godefroot zählen. Klöden, der vom Doping in seinem früheren Team nichts mitbekommen haben will, trainiert die meiste Zeit für sich allein, auch in der Öffentlichkeit gibt sich der Profi mit dem wohl elegantesten Stil im Peloton äußerst zurückhaltend. Die Tour kann er nur gewinnen, wenn er diese Zurückhaltung auf dem Rad ablegt.

Carlos Sastre: Er gehört in diesem Jahr zu den Favoriten, weil er übrig ist. Schon mehrfach war der gute Bergfahrer bei der Tour unter den ersten zehn, 2006 wurde er Vierter. Wie bei Klöden gab es gegen den Spanier keine Verdachtsmomente wegen Dopings. Auch ohne den sonst für die Renntaktik zuständigen Teamchef Bjarne Riis hat Sastre starke Unterstützung mit dem Team CSC, für das unter anderem Jens Voigt fährt. Und Frank Schleck, dem sich Sastre bei starken Leistungen unterordnen müsste. Denn Sastre hat in diesem Jahr noch keine Topergebnisse vorzuweisen. Dennoch sagt er, dass er zur Tour fährt, „um sie zu gewinnen“. Das ist nur möglich, wenn er an seiner Schwäche Zeitfahren gearbeitet hat.

Die Anderen: Die Tour ist auch sportlich so offen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Fast jeder, der in den vergangenen Jahren gute Ergebnisse erzielt hat, hat eine kleine Chance auf den Sieg. So machen sich auch Levi Leipheimer vom Armstrong-Team Discovery Channel, der Australier Cadel Evans und der Russe Dennis Mentschow Hoffnungen. Und die Franzosen hoffen wieder einmal auf den inzwischen 36 Jahre alten Christophe Moreau. Er wäre der erste Sieger aus Frankreich seit Bernard Hinault 1985. Und würde entsprechend gefeiert werden, Misstrauen hin oder her.

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