Tour de France : Karton mit Hämoglobin für Tour-Führenden?

Über den Tour-Führenden Michael Rasmussen brechen immer mehr Doping-Anschuldigungen herein. Ein Ex-Kollege berichtet, dass er ihm vor fünf Jahren einen Karton mit einem Dopingpräparat mitbringen sollte.

Sebastian Moll[Foix]

Der Radsport hat über die Jahre einen Reflex entwickelt, mit dem er auf Verräter reagiert. Ob es Paul Kimmage war oder Willy Voet, Rolf Aldag, Jesus Manzano oder Jörg Jaksche – Leute, die ausgepackt haben. Die Reaktion auf ihre Doping-Geständnisse und Doping-Enthüllungen war ähnlich. Sie wurden diskriminiert und diskreditiert, als „durchgeknallte Märchenerzähler“ beschimpft, und es wurde ihnen unterstellt, aus Eitelkeit oder Gewinnsucht ihre ehemaligen Kollegen übel zu beleumunden. Der amerikanische Mountainbiker Whitney Richards blieb allerdings bislang von dererlei Beschimpfungen verschont. „Ich kenne ihn, ich kann aber seine Geschichten nicht bestätigen“, war alles, was der Tour-Führende Michael Rasmussen in der vergangenen Woche über seinen ehemaligen Trainingspartner zu sagen hatte.

Richards hatte gegenüber der Radsport Website VeloNews bezeugt, dass Rasmussen das Blutdopingmittel „Hemopur“ von den USA nach Italien schmuggeln wollte. Vielleicht hält sich Rasmussen zurück, weil er wirklich, wie Richards insistiert, „eigentlich ein wirklich netter Kerl und kein Monster ist“. Vielleicht aber auch, weil es sehr schwierig ist, Richards egoistische Motive für seine Enthüllung zu unterstellen. Richards hat kein Buch geschrieben, er ist in keiner Talkshow aufgetreten, und er hat von keinem großen Magazin fünf- oder sechsstellige Summen verlangt. Er ist eher scheu, und es graut ihm vor der Welle an Medienanfragen, die jetzt wohl auf ihn zurollt. Richards hat die Geschichte einem Freund in seiner Heimat Colorado erzählt, der bei VeloNews arbeitet. Bekommen hat er dafür nichts.

Und doch konnte er mit der Geschichte nicht mehr an sich halten. Am vergangenen Montag, als Michael Rasmussen das Gelbe Trikot übernahm, sagte der magere Däne, ohne die Miene zu verziehen, dass man ihm trauen könne, nachdem er gefragt worden war, ob er denn sauber sei. Dieser Augenblick war Richards unerträglich. „Ich konnte nicht mehr schweigen“, sagte er dem Reporter David Walsh von der Londoner Zeitung „Sunday Times“. „Ich hätte mich an einem Betrug mitschuldig gemacht.“

So entschloss sich Richards, der Welt zu berichten, wie er vor fünf Jahren mit Rasmussen zusammen nach Italien in ein Trainingslager fahren wollte, und wie Rasmussen ihn bat, ihm aus Amerika doch einen Karton mit Fahrradschuhen mitzubringen. Richards behauptet, dass der Karton für einen Transport im Koffer zu sperrig gewesen sei. Er habe den Karton daher geöffnet und darin die Beutel mit künstlichem Hämoglobin gefunden. Er habe die Beutel in den Müll geworfen, weil er Angst hatte, beim Schmuggeln erwischt zu werden – und sich deshalb von Rasmussen eine Rüge einzufangen, weil „das Zeug scheißteuer war“.

Doch Richards fühlt sich nicht besser oder befreit, nachdem er seine Darstellung geliefert hatte. „Ich demontiere jemanden, der für viele Leute ein Held ist“, sagt er, „und das fühlt sich nicht gut an.“ Zumindest, wenn man unterstellt, dass er die Wahrheit gesagt hat. Außerdem mag Richards noch immer Rasmussen persönlich: „Er ist sehr nett, sehr freundlich und höflich.“ Sogar die Frauen der beiden ehemaligen Rad-Kollegen waren eine Zeitlang eng befreundet. Vor allem jedoch kann sich Richards in die Situation von Rasmussen hinein versetzen. Nachdem er entdeckt habe, dass Rasmussen dope, sagte der US-Amerikaner zu dem Reporter David Walsh, habe der Däne versucht sich zu erklären. „Verstehst Du, Whitney“, habe Rasmussen gesagt, „ich habe keinen Studienabschluss so wie Du. Ich habe nur das Radfahren. Wenn ich nichts gewinne im Radsport, dann habe ich gar nichts.“ Das konnte Richards nachvollziehen. Und es stürzte ihn nach eigener Aussage in einen Gewissenskonflikt, den er fünf Jahre mit sich herumgetragen habe.

Dass er nun ausgepackt hat, löst für Richards diesen Konflikt nicht auf. Er tat, was er glaubte, tun zu müssen, aber wohl ist ihm nicht dabei. Zumal er sich nicht sicher sein kann, dass seine Aussage tatsächlich den Tour-Sieg eines möglichen Betrügers verhindert. Irgendwann im Lauf der Woche will der Radsportverband UCI Richards verhören. Inzwischen fährt Rasmussen in Richtung Paris. Und wenn der Verband so rasch handelt, wie man das von ihm gewohnt ist, trägt Rasmussen das Gelbe Trikot vielleicht auch noch auf den Champs Elysees. Vielleicht wird es ihm dann in ein paar Monaten wieder aberkannt, und es wird sich ein langatmiger Marsch durch die sportjuristischen Instanzen anschließen. Das wäre dann die zweite Tour in Folge ohne Sieger.

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