Tour de France : Lance Armstrong: Der Mann, den keiner gekannt haben will

Sechs Jahre hatte Lance Armstrong sein Quartier im heutigen Etappenort Girona. In der Stadt spricht man nicht gerne über den US-Amerikaner. Eine Spurensuche im Baskenland.

Tom Mustroph[Girona]
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Sonderfall. Lance Armstrong im Tour-Feld.Foto: dpa

Lance Armstrong muss einen Freund im Team der Streckenplaner der Tour de France haben. Die sechste Etappe beginnt am Donnerstag nicht nur in Girona, der nordspanischen Stadt, in der er sechs Jahre lang sein Europaquartier aufgeschlagen hatte. Der Auftakt erfolgt sogar nur wenige Hundert Meter von seinem einstigen Wohnhaus in der Calle Forca entfernt. Um die Verneigung vor ihm perfekt zu machen, fällt der Startschuss im Vorort Quart – in unmittelbarer Nähe der Praxis seines Physiotherapeuten. Gewissermaßen im alten Entspannungsbecken des Amerikaners beginnen die Strapazen des Pelotons. Ein tieferer Kotau der Organisatoren vor ihrem nicht immer geliebten Superhelden ist kaum denkbar.

Im Herbst 1999 ist Armstrong zum ersten Mal nach Girona gekommen. Er hatte den Presserummel in seinem damaligen Quartier in Marseille satt. Johnny Weltz, damals Manager bei US Postal, hatte Armstrong auf die katalanische Provinzhauptstadt aufmerksam gemacht. „Es war perfekt”, erzählt Weltz. „Die Stadt ist ruhig. Sie hat einen Flughafen. Das Klima ist gut. In den Bergen findet man ausreichend Trainingsmöglichkeiten. Und der Physiotherapeut war auch schon da.” Ricard Huelamo hat nicht nur die Beine von Armstrong, George Hincapie, Tyler Hamilton und Floyd Landis massiert. Er hat sogar ein unterzeichnetes Dankesfoto von Zinedine Zidane. Für Armstrong war Huelamo als Immobilienscout tätig, als Trainingsbegleiter und als Freund.

Stellt man ihm die klassische D-Frage, winkt er nur ab und verweist auf seine ausgeklügelten Apparaturen, die den Körper in Hitze- und Kältewallungen versetzen können, mal bis tief ins Gewebe vordringen und dann wieder nur oberflächlich arbeiten. Stiefelt man mit Huelamo durch die Praxis, ist man von den blitzenden Maschinen so beeindruckt, dass man sie am liebsten gleich selbst ausprobieren möchte und außerdem dem Glauben verfällt, Doping sei nach einer solchen Behandlung gar nicht mehr nötig.

Lluis Simon ist Radsportredakteur der lokalen Tageszeitung „El Punt”. Die Dopingfrage hat er sich natürlich auch gestellt. Als Antwort sagt er nur: „Eufemiano Fuentes hatte ja einige Klienten in Girona und Umgebung.” Der mehrfach des Dopings überführte Tyler Hamilton hat hier gewohnt, der positiv getestete Robert Heras lebt in 40 Kilometer Entfernung. Außerdem besaß der erwischte Testosteron-Doper Floyd Landis hier ein Haus. Ob Fuentes selbst einmal nach Girona gekommen ist, um seine Kunden zu bedienen, weiß Simon nicht. Aus der katalanischen Radsportszene hat er nur vernommen: „Wenn du viel Geld ausgeben wolltest, dann konntest du immer zu Fuentes gelangen. Er galt als der Beste. Und Qualität hat ihren Preis.”

Im Rathaus von Girona spielen die Themen Doping und Armstrong keine Rolle. „Von Doping weiß ich nichts. Und wenn Sie nur etwas über Lance Armstrong erfahren wollen, aber nichts über Girona und die Tour, dann ist meine Zeit gleich beendet”, sagt Rosa Cals, die Kabinettschefin. Ihr ist noch zu entlocken, dass der Amerikaner „sehr diskret“ gelebt habe. „Er hat sich gefreut, hier ein Privatleben gehabt zu haben. Er konnte seinen täglichen Verrichtungen nachgehen, ohne dabei gestört zu werden“, sagt sie. Eine Wolke der Diskretion umweht den Armstrong-Aufenthalt fast überall in Girona.

Der Wirt der Bar Toscana, die gegenüber Armstrongs ehemaligem Anwesen liegt und in der er regelmäßig zu Gast war, will keine Auskünfte geben. Der Inhaber der bedeutendsten Galerie für zeitgenössische katalanische Kunst der Stadt behauptet, keine Ahnung über Umfang und Inhalt der von Kennern gerühmten Sammlung nordspanischer Kunst des Amerikaners zu besitzen. Emilio, Stammgast in der Kneipe direkt unter Armstrongs alter Wohnung, glaubt, dass Girona dem Amerikaner zujubeln wird. Nicht unbedingt, weil die Bevölkerung ihn besonders gut leiden könnte. „Ich fand ihn arrogant”, sagt der Träger eines gelben Livestrong-Armbands von Armstrongs Krebsstiftung. Aber seine katalanischen Mitbürger könnten mit dem aus Madrid stammenden Armstrong-Konkurrenten Alberto Contador noch viel weniger anfangen. Emilio übrigens ist Fan von Tyler Hamilton. „Tyler hat einen guten Charakter. Er war bei meinem Geburtstag“, sagt er. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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