Tour de France : Lance Armstrong - Ein Fahrer seiner selbst

Falls sich herausstellt, dass Lance Armstrong bei US Postal Anteilseigner war, droht ihm eine Haftstrafe.

Tom Mustroph
Lance Armstrong
Lance ArmstrongFoto: dpa

Manche Fans lieben Lance Armstrong noch immer. Zwar rufen die Zuschauer in Frankreich nicht so emphatisch „Lance, we love you“, wie es die Fans bei der Kalifornienrundfahrt just an dem Tag taten, an dem Floyd Landis seine Dopinganschuldigungen öffentlich machte. Aber immerhin bekommt der alte Herr am gestrigen Donnerstag im Provence-Städtchen Sisteron zum Start der elften Etappe der Tour de France noch etwas mehr Beifall ab als der wegen seines gebrochenen Arms bedauerte Cadel Evans. Eine begeisterte Anhängerin ist sogar mit einem Zeitungsausschnitt aus dem August 1988 erschienen, in dem der Triathlet Armstrong gefeiert wird. Sie kämpft um ein Autogramm, doch andere drängeln rücksichtsloser.

Die sich mit dem Idol bewegende Rüstung aus Fanleibern ist auch für die Journalisten undurchdringlich, die den Amerikaner gern nach seiner finanziellen Verantwortung bei seinem ehemaligen Rennstall befragt hätten. Seitdem in den USA gegen die einstigen Betreiber des von Armstrong angeführten Teams US Postal eine staatsanwaltschaftliche Untersuchung wegen des Verdachts auf Betrug mit Steuergeldern im Gange ist – in diesem Falle nennt sich der vermutete Betrug ganz vulgär Doping –, kommt den Details um die Eigentumsverhältnisse im Hause US Postal enorme Brisanz zu. Denn wer für die vom staatlichen Sponsor eingeworbenen Gelder verantwortlich war und über ihre Verteilung mitentschied, dem drohen, wenn sich die Anschuldigungen von Landis bestätigen, mehrere Jahre Haft.

Gegenüber der „New York Times“ hatte Armstrong abgestritten, jemals Miteigentümer des Teams US Postal oder der Gesellschaft Tailwind Sports, in deren Besitz der Rennstall war, gewesen zu sein: „Ich war ein Fahrer im Team, das ist alles.“ Während einer Gerichtsverhandlung im Jahr 2005, in der es darum ging, ob ein Sponsor Armstrong zu Recht die Prämienzahlung für den siebten Toursieg verweigerte, weil der unter Dopingverdacht stand, erzählte Armstrong dem Gericht aber, ihm gehörten zehn Prozent von Tailwind Sports.

Bei der Tour versucht Armstrong nun, diesem Thema auszuweichen. Dafür springt sein Freund und Geschäftspartner Mark Higgins für ihn in die Bresche. Er verweist auf eine Presseerklärung von Armstrongs Anwalt Tim Herman: „Im Dezember 2007 erhielt Lance Armstrong seine ersten Anteile von Tailwind Sports. Die Verwirrung über die zeitlichen Abläufe, die nicht neu ist, rührt daher, dass der Verwaltungsrat im Jahr 2004 beschloss, Lance Armstrong und anderen angesichts ihrer Verdienste für die Firma Anteile zu übertragen. Trotz dieser Entscheidung wurden die Anteile an Armstrong und andere nicht vor 2007 überschrieben. Als er 2005 danach gefragt wurde, antwortete er wahrheitsgemäß, zu glauben, dass er ein Minderheitseigner sei, sich mit den Details aber nicht auskenne.“

Merkwürdig ist, dass der Mr. Perfect des Radsports so im Ungewissen über seine Vermögensverhältnisse gewesen sein will. Merkwürdig ist auch, dass die von Armstrongs Kompagnon Mark Higgins geleitete Firma CSE sich vor Veröffentlichung des „New York Times“-Artikels auf ihrer Website noch dazu bekannte, das jährliche Budget von 18 Millionen Dollar von US Postal gemanagt zu haben. Wenige Stunden später wollte CSE nur noch den Nachfolgerennstall Discovery Channel betreut haben. Bei Discovery Channel waren keine staatlichen Gelder mit im Spiel. Hier droht keine strafrechtliche Dopinguntersuchung.

Dass die Wahrheit noch ein ganz anderes Gesicht haben könnte, wird im Gespräch mit Frankie Andreu deutlich. Der Ex-Teamgefährte von Armstrong – er half ihm bei dessen ersten beiden Toursiegen – begleitet heute als TV-Journalist die Tour. Er gab später zu, sich mit Epo präpariert zu haben. Zum Tagesspiegel sagte er gestern: „Ich war ein einfacher Fahrer bei USPostal. Lance war meiner Erinnerung nach Miteigner des Teams.“ Die Tour de France ist für Armstrong gelaufen. Bei seiner Tour durch die Gerichtssäle steht er jetzt vor einer Bergetappe.

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